Kultur : Der Kanzler und seine Minister: Kabinett mit Schatten

Robert von Rimscha

Während Otto Schily um sein Amt kämpfte, betrieb sein Chef Weiterbildung. Gerhard Schröder saß am Mittwochabend in der Sky-Lobby des Kanzleramts, so heißt das offene Rund oben unter dem Dach, und ließ sich Literatur und Lyrik vorlesen: Günter Grass, Christa Wolf und Emine Özdamar waren ins Allerheiligste der Macht gebeten worden - ein lange anberaumter Termin, den Schröder nicht den Wirren des Tages-Skandals opfern wollte. Der Innenminister räumte derweil "krasse Fehler" seines Hauses ein und warf dann doch seine drei heftig gerügten Spitzenbeamten als Verteidigungsbollwerk vor sich anstatt hinaus, wegen insgesamt "überragender" Leistungen.

Wirtschaftsminister Müllers Eon, Rudolf Scharpings Airbus, Schilys NPD-Verbot: Als "Wallungsdemokratie" hat ein kluger Mensch die beinahe hysterische Stimmung im überhitzten Berliner Politik-Kessel beschrieben. Gegen das Wallen setzt Schröder die Ruhe. Käme er selbst in Wallungen, müsste er neue Minister öfter einstellen als Aldi Nachschub in die Regale.

Glaubt man aktuellen Umfragen, dann sind drei Minister höchst unpopulär. An der Spitze steht Scharping. Im Dezember fanden 68 Prozent, der Verteidigungsminister solle gehen, 26 Prozent der Deutschen wollten ihn weiter im Kabinett sehen.

Dass Scharping in der Partei und im Kanzleramt gleich isoliert ist, darf jeder wissen. Ob Airbus oder Bundeswehr, ob Plansch-Affäre oder Mallorcaflüge: dem Minister gelingt zu viel einfach zu schlecht. Beim SPD-Treffen Ende November in Nürnberg brauchte es die geballte Überzeugungskraft der Spitzengenossen, um Scharping überhaupt die knappe Wiederwahl als Partei-Vize zu verschaffen. Ohne Lobbyarbeit wäre Scharping, so lautete damals die Schätzung, bei einer Zustimmung von vielleicht 25 oder 30 Prozent gelandet. So wurden es 58.

In der Forsa-Umfrage folgt Umweltminister Jürgen Trittin: 51 Prozent hätten ihn gern verabschiedet, 42 fanden ihn weiter ministrabel. Trittins letzter Skandal, der Skinhead-Vergleich für CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer, liegt schon ein wenig zurück. Seine vorletzte Panne war die unklare Haltung zur Wertung "klammheimliche Freude" nach dem RAF-Attentat auf Generalbundesanwalt Buback gewesen. Gegenwärtig hat Trittin das Image des Quartals-Tolpatsch abgestreift - durch Sacharbeit und geringe Sichtbarkeit.

Stolze 46 Prozent der von Forsa Befragten hätten Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gern abgesägt, 40 Prozent wollten ihr noch etwas Zeit geben. Die Aachenerin gilt als gleich ungeschickt wie unglücklich. Ihr konzilianter Kurs, das Gegenkonzept zur Amtsvorgängerin Andrea Fischer, versandet im Stillstand. Bei Arbeitsminister Walter Riester und Bildungsministerin Edelgard Bulmahn halten sich die Forsa-Zahlen die Waage. Riester wird für die hohe Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht. Bulmahn gehört dagegen in die Kategorie jener Minister, die nicht durch Pannen und Skandale auffallen, sondern durch nichts. Ihr zur Seite steht Familienministerin Bergmann, die ebenfalls als personelle Manövriermasse im Falle eines zweiten Schröder-Kabinetts nach der Bundestagswahl gilt.

Die meisten vollzogenen Rücktritte waren kleine, längst halb vergessene. Andrea Fischer und Agrarminister Funke wegen BSE, Verkehrsminister Klimmt wegen zu fußballfreundlichen Geschäftsgebarens: Das waren eher Skandälchen denn Skandale. Nur bei Funke kam strukturelle Unverträglichkeit mit der rot-grünen Linie hinzu. Kulturstaatsminister Naumann wurde schlicht schnell amtsmüde.

Aus Verkehrsminister Müntefering wurde der SPD-Generalsekretär. Bodo Hombach als Kanzleramtschef kam Schröder abhanden, weil allzu viele offenherzige Plaudereien das Fass schließlich zum Überlaufen brachten; aktuell kam das mit fragwürdigen Geldern aufgemöbelte Privathaus hinzu. Und Außenpolitik-Berater Michael Steiner stolperte weniger über die "Kaviar-Affäre" als über eine Kette von peinlichen Auftritten, die in der Hombach-Tradition standen.

Bleibt der eine Groß-Abtritt, der einzige wahre Machtkampf unter den vielen Personalwechseln. Oskar Lafontaine schmiss SPD-Vorsitz und Finanzministerium hin, weil ihm Person und Kurs von Schröder zutiefst zuwider waren. Lafontaines Abschied war ein Muss, ein reinigendes Gewitter.

Im Kanzleramt gilt jetzt die Devise, bloß personalpolitische Ruhe zu verbreiten. "Der Bundeskanzler steht einer hervorragenden Mannschaft vor", sind die Sätze, mit denen sich Schröders engste Mitarbeiter gern zitieren lassen. Hinter vorgehaltener Hand sind die Einschätzungen freilich ganz andere. Sie entsprechen dem, was Minister selbst verbreiten, wenn sie in ihren Hintergrundkreisen auftreten. Da wird gern über das eine oder andere Reformprojekt gewitzelt, das im Falle des Sieges am 22. September ansteht. Nur mit welchem Kabinettskollegen dies zu verhandeln sei, das wisse man ja noch nicht, wird dann gern geschmunzelt.

Der Kanzler selbst regiert: Kabinettssitzung, Wirtschaftsgutachten, Kollegenbesuch aus Dänemark, am Donnerstagabend letzter Woche die Rettung von Bombardier. Daneben findet Schröder nicht nur Zeit für Literatur, sondern auch für Körperertüchtigung. Freilich nicht aktiv, sondern auf der Ebene der Funktionäre. Erst traf er Turner-Bund-Chef Brechtken, dann kam der neue IOC-Präsident Rogge zum Antrittsbesuch vorbei. Auf Amtszeiten, wie sie im Internationalen Olympischen Komitee üblich sind, kommt im Schröder-Kabinett niemand. Da ist wohl eher die Durchschnitts-Verweildauer eines Bundesliga-Trainers der Maßstab.

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