Kultur : Der Kellermeister

Brief an einen Freund: zum Gedenken an K.P. Herbach, die Seele des Berliner Buchhändlerkellers / Von Cees Nooteboom

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Man behauptet, dass wir in einer Zeit totaler Kommunikation leben. Alles, was ganz nahe oder weit entfernt geschieht, hören oder sehen wir unmittelbar. Seit zwei Monaten halte ich mich im Allgäu auf. In dieser Zeit stirbt ein guter Freund in Berlin. Fast zwei Monate später bekomme ich einen Anruf mit der Frage, ob ich im Buchhändlerkeller, wo ich so oft gelesen habe, einen Tag, ehe er sechzig geworden wäre, sprechen möchte. K.P. Herbach ist tot. Es hätte nichts verändert, wenn ich das vorher gewusst hätte, und doch war es für mich ein merkwürdiger Gedanke, dass niemand von all den Menschen, die ich in Berlin kannte, mir das erzählt hat.

Die Nachricht war ein Schock, aber doch eine andere Art von Schock, als wenn ich es in dem Augenblick selbst gehört hätte. Es war schon geschehen, es gehörte zur Vergangenheit, zu den vollendeten Tatsachen, Stoff für Melancholie und Erinnerung. Den Schock hatte ich mit niemandem teilen können, die Erinnerungen danach auch nicht. Ich stand am Fenster und schaute über die verschneite Landschaft und dachte an das letzte Mal, als ich ihn in der Akademie der Künste gesehen hatte, bei der Jahrestagung.

Groß, schwer, mit diesem ein wenig schwierigen Gang, der die Mitte hielt zwischen schleifender Bewegung und Hoppelschritt. So hatte ich ihn in meinen Berliner Jahren samstags morgens auf dem Markt in der Goethestraße laufen sehen, so kam er ein paar Stunden später immer in die Autorenbuchhandlung, wo wir zu Beginn des Mittags mit ein paar Freunden Kaffee tranken. Das erste, wonach ich schaute, war, welches Abzeichen er dieses Mal trug. Ich glaube nicht, dass ich ihn jemals zwei Mal mit der gleichen Insignie, dem gleichen Button gesehen habe. Er muss einen unermesslichen Vorrat gehabt haben; ich frage mich, wo sie nun sind. Dieses letzte Mal gab er mir einen davon, die schräg vornüber gebeugt laufende Gestalt von Fernando Pessoa, die ich nun zu seiner Ehre ab und zu tragen werde.

Ich bin schlecht in Daten, aber ich glaube, dass wir einander 1987 zum ersten Mal getroffen haben, wahrscheinlich bei einer Lesung. Ich wusste nicht genau, welche Position er hatte. Berlin, die Akademie, der DAAD, es war mir alles fremd, aber woran ich mich erinnere, war der leicht verschwörerische Ton, mit dem er mich fragte, ob ich keine Lust hätte, ein Jahr in Berlin zu wohnen. Ein Jahr schien mir lang, und ich fragte ihn, ob die höheren Mächte, mit denen er offensichtlich in Verbindung stand, auch ein halbes Jahr für ausreichend befinden würden.

Das ging auch, die Einladung des DAAD, die in meinem Leben so wichtig werden sollte, wurde eine Einladung für das historische Jahr 1989, und das halbe Jahr wurde dann ein ganzes Jahr, und danach noch ein paar weitere, unvergessliche Jahre in der Goethestraße. Meine „Berliner Notizen“, mein „Allerseelen“ hätte ich ohne diese Einladung nicht geschrieben, und so ist er unverbrüchlich mit meinem Berlin verbunden, und während ich dies schreibe, sehe ich ihn vor mir in seinem schizophrenen Buchhändlerkeller, schwitzend und ein bisschen außer Atem, mit diesem merkwürdigen, nach außen stehenden lockigen weiß-orange Haarschopf, wie er schon wieder während des Applauses damit beschäftigt ist, die Attraktion der folgenden Woche anzukündigen.

Wenn ich den Keller schizophren nenne, ist das ausschließlich wörtlich gemeint. Er ist ein einzigartiger Ort. Man muss schon ein wenig verrückt dafür sein, denn der Autor steht vor einer Mauer und weiß nie, welches Publikum in den zwei Räumen rechts und links von ihm er anschauen muss – sie können einander auf jeden Fall nicht sehen. Das letzte Mal bin ich dort aufgetreten – es war gar nicht daran zu denken, dass man dem entkommen konnte, wenn er wusste, dass man nach Berlin kam – im glühend heißen Juni des vergangenen Jahres. Es war nicht auszuhalten, und wir hatten alle beide unsere Schwierigkeiten, und doch war man am Ende eines solchen Abends immer glücklich.

Ich werde ihn vermissen. Er hatte eine unbändige Energie und einen ansteckenden Enthusiasmus. Für mich gehörte er zum Salz der Erde, weil er mitten in einer Weltstadt einen Freiplatz für Schriftsteller und Leser geschaffen hatte, einen Ort, von dem man nur hoffen kann, dass er bestehen bleibt, weil in einer Welt, die immer kommerzieller, härter und anonymer wird, solche Orte so nötig sind wie Wasser und Brot.

Lieber K.P., – erst jetzt weiß ich, dass das Klaus Peter bedeutet – es tut mir Leid, dass ich nicht selbst hier sein kann, um dir das zu erzählen, denn gegen alle Ratio denke ich, dass du heute Abend sehr wohl hier bist. Einige Menschen sieht man immer noch, auch wenn sie unsichtbar geworden sind.

K.P.Herbach, der heute seinen 60. Geburtstag feiern würde, starb am 11. Januar in Berlin. Cees Nootebooms Brief wurde gestern im Buchhändlerkeller im Kreis von Autoren, Freunden und Weggefährten verlesen. – Aus dem Niederländ. von Rolf Brockschmidt

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