Kultur : Der King des Punk

Zum Tod von Joe Strummer, Sänger von The Clash

Kai Müller

In England sahen Punks eine Zeit lang wie Elvis aus. Sie trugen Tolle und Koteletten. Und spitze, hohe Lederstiefel. Das einzige, was sie vom King unterschied, waren ihre schlechten Zähne. Dass Musiker wie Joe Strummer oder Mick Jones Punk im Kopf hatten, sah man nicht, das hörte man. Der Lärm war entsetzlich, das Tempo zu hoch, die Texte wüst und ungestüm. Und dann pflegten Rock’n’Roll-Bands ihren Zorn für gewöhnlich auch nicht über Busfahrern, Krankenschwestern und Tickett-Kontrolleuren auszuschütten, weil sie diese für dämliche Opportunisten hielten. The Clash taten das. Die nach den Sex Pistols bedeutendste Punk-Gruppe wetterte gegen alles, was irgendwie angepasst aussah, und lieferte mit „London Calling“ (1977) eine der einflussreichsten Platten der Popgeschichte ab.

Daran werden sich die, die das Doppelalbum auf dem Höhepunkt der Punk-Welle für den Preis einer ganz normalen Platte erwarben, vermutlich mit Wehmut erinnern. Jetzt, da Joe Strummer, Leadsänger der Band und ihr künstlerischer Kopf, in seinem Haus im südenglischen Somerset überraschend gestorben ist. Er wurde 50 Jahre alt.

Einmal war Strummer tatsächlich der King. In Jim Jarmushs Film „Mystery Train“ spielte er einen Engländer, der, von seiner Freundin verlassen, einen Spirituosenladen überfällt und dessen Inhaber erschießt. Seine Freunde nennen ihn Elvis. Man begreift sofort, dass Memphis nicht der richtige Ort für ihn ist – eine Stadt, die von Erinnerungen lebt. Als Strummer 1977 The Clash gründete, hatte er eine Musik im Kopf, die so schnell war, dass Geschichte sie nicht mehr einholen konnte. Das war ein Irrtum, wie wir wissen. Aber den Versuch war es wert. The Clash bildeten den intellektuellen Flügel dieser kulturellen Verweigerung, die mit entwaffnender Hilflosigkeit demonstrierte, dass man auch als Punker nicht sauber bleiben kann: „If they gonna get me making toys/ If they gonna get me, well, I got no choice.“

Strummer, der als John Mellor in Ankara, Türkei, geborene Diplomatensohn, begeisterte sich für das proletarisch Rebellische vermutlich wegen dieses einen Wortes: „Well“ – was soll’s. Wer angesichts seiner Songs, die vom spanischen Bürgerkrieg handeln, white riots verkünden und Banküberfälle empfehlen, an revolutionäre Ambitionen glaubte, sah sich bald enttäuscht. „Barrikaden aus Pappmaché“, „Rebellen-Schick“ waren noch die glimpflicheren Urteile, als Strummer das simple Akkord- Schema des Rock verwarf und Ska-, Reggae- und Country-Elemente aufgriff.

The Clash gingen den Weg aller Punk- Bands, auch wenn sie länger als üblich brauchten, bis sie auseinander fielen. 1982, auf dem Gipfel ihres Erfolgs, musste das Quartett eine Tournee absagen, weil Strummer spurlos verschwunden war. Später erklärte er, er habe sich nach Paris abgesetzt, weil ihn Zweifel an seiner Musikerkarriere plagten. Eine Episode, die der Schriftsteller Don DeLillo in dem Roman „Great Jones Street“ verarbeitete.

Als Strummer 1986 das Interesse an The Clash verlor, zerbröselte die Band einfach. Anfang der Neunzigerjahre kehrte einer seiner Songs als „Levis“-Werbung in die Charts zurück. Er hieß: „Should I Stay Or Should I Go“. Er hätte bleiben sollen.

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