Kultur : Der Kino-Baron

Französische Seele: zum Tod von Philippe Noiret

Christina Tilmann

Er liebte Zigarren, Pferde und teure Schuhe, trug gerne einen tief in die Stirn gezogenen Hut, hatte zwei Landhäuser und war seit 1962 mit seiner Frau, der Schauspielerin Monique Chaumette, verheiratet. Eine sympathische, gutmütige, massige Gestalt, ein Bonvivant und Witzbold – und sehr französisch dabei. Philippe Noiret war einer jener Schauspieler, den im eigenen Land jeder liebte, ja, der vielleicht mehr durch seine Gestalt als durch seine Rollen in Erinnerung bleiben wird. Er selbst hat immer wieder betont, wie nüchtern er seine Rolle als Schauspieler sah: „Ich habe in wenigen schwierigen Filmen mitgewirkt und in nicht genügend anspruchsvollen. Ich bin ein gewöhnlicher Schauspieler.“ Doch in Frankreich wird er als nationaler Held betrauert. Einen „Baron des Kinos“ hat Regisseur Patrice Leconte ihn genannt, der mit ihm 1993 „Tango Mortale“ drehte. Bertrand Blier fand, dass er „gleichzeitig elegant und schwerfällig war“. Und für Premierminister Dominique de Villepin verkörperte Noiret die „französische Seele“.

Was ist diese französische Seele? Vielleicht jene Mischung aus Normalität und Abgründigkeit, die unter jener gutmütige Oberfläche lauert, die Noiret selbst als Verbrecher oder Mörder nicht aufgab. Es ist jene leise Tragik, die mit einer komischen Figur einhergeht, ein Antiheld, der sympathisch, aber nicht heroisch ist. Denn obwohl er an der Seite von Catherine Deneuve, Romy Schneider oder Simone Signoret gespielt hat, ist Noiret kein Belmondo, auch kein Michel Piccoli. Er ist der trottelige Onkel, der in Louis Malles „Zazie dans le metro“ plötzlich seine quirlige Nichte am Hals hat, der Bauer, der sich auf die faule Haut legt, in „Alexander der Lebenskünstler“, der trottelig-verliebte Richter in „Das große Fressen“, der skurrile Filmvorführer Alfredo in Giuseppe Tornatores „Cinema Paradiso“ und der lebenskluge Dichter Pablo Neruda in Michael Radfords „Il Postino“. Vielleicht ist das Noirets Grundeigenschaft: Lebensklugheit, zusammengesetzt aus Trauer, Witz, Bodenständigkeit und verborgener Poesie. Am Donnerstag ist Philippe Noiret im Alter von 76 Jahren nach langer Krankheit in Paris gestorben.

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