Kultur : Der Kinodenker

Enzyklopädie der kleinen Form: Zum Abschluss der Werkausgabe von Siegfried Kracauer.

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Schiefe Bahn. Szene aus dem „Caligari“-Stummfilm (1920). Foto: picture alliance
Schiefe Bahn. Szene aus dem „Caligari“-Stummfilm (1920). Foto: picture allianceFoto: picture alliance / united archiv

Eine schier unendliche Geschichte ist nun doch an ihr Ende gekommen. Die Werkausgabe der Schriften Siegfried Kracauers hat mit Erscheinen der beiden Bände 2.1 und 2.2 nach insgesamt 41 Jahren ihren Abschluss gefunden. Erneut veröffentlicht wird die berühmte Untersuchung „Von Caligari zu Hitler“; im zweiten Teil der als Band 2 der Werkausgabe firmierenden Textsammlung indessen sind unter dem Titel „Studien zu Massenmedien und Propaganda“ entweder noch nicht ins Deutsche übertragene oder gänzlich unveröffentlichte Aufsätze vereint. Darunter sind zwei Texte von Buchlänge: die über 200 Druckseiten umfassende, 1956 in den USA veröffentlichte Untersuchung „Satellitenmentalität“ und das im Pariser Exil 1937 entstandene Manuskript „Totalitäre Propaganda“, das im Druck knapp 160 Seiten beansprucht. Weitere 290 Seiten sind für ein gutes Dutzend Beiträge zu Propaganda und Film sowie zur späteren Arbeit in empirischer Sozialforschung reserviert.

Über den filmsoziologischen Klassiker „Von Caligari zu Hitler“ ist hinlänglich geschrieben worden. Auch über die Editionsgeschichte des Buches, das erst im Laufe mehrerer Ausgaben zu seiner ursprünglichen Gestalt zurückfand und die Intention des Autors erfüllte, „psychologische Dispositionen“ im Medium des Films freizulegen, um „Hitlers Aufstieg und Machtergreifung zu verstehen“. So konzentriert sich das Interesse auf die Aufsätze im zweiten Halbband.

„Kracauer war ein Meister der kleinen Form, was er in seinen Spätschriften aus New York mit einem sichtlich strategisch ersonnenen System auch wieder verbarg“, hat Karsten Witte einmal formuliert. Freilich war das Systematische, das Witte gegen die „kleine Form“ einklagt, der Situation insbesondere des zweiten, amerikanischen Exils geschuldet. Kracauer (1889-1966) lebte unter mehr als bescheidenen Umständen, er musste sich eine Existenz schaffen, wie auch immer. Für die kleine Form, die er als Feuilletonist in der Zeit der Weimarer Republik wie kaum ein zweiter beherrscht hatte, gab es im Exil keinen Adressaten.

Hingegen hatte sich in New York das exilierte Frankfurter „Institut für Sozialforschung“ angesiedelt, an die noble Columbia University angeschlossen, und Kracauer hoffte, durch Mitarbeit seinen Unterhalt zu sichern. So kam die Untersuchung über „Totalitäre Propaganda“ zustande, an der Kracauer – damals in Paris – die zweite Hälfte des Jahres 1937 verwendete. Darin untersucht Kracauer die Propaganda sowohl des Nationalsozialismus als auch des italienischen Faschismus. Theodor Adorno, der Freund aus gemeinsamen Frankfurter Tagen, begutachtet das Manuskript für das Institut – mit vernichtendem Ergebnis: „Die Arbeit ist weder von eigentlich theoretischem Wert, noch ist sie im empirischen Material zureichend fundiert.“ Tatsächlich stand Kracauer in seinem Pariser Zufluchtsort nicht genügend Quellenmaterial zur Verfügung, und der Aufsatz erledigte sich im Laufe der katastrophischen Entwicklung in Europa bald ohnehin.

In New York, wohin Kracauer 1941 emigrieren konnte – diesmal mit tatkräftiger Hilfe des Instituts –, machte er sich bald an das „Filmbuch“, das mit dem Erscheinen Anfang 1947 seinen Ruhm in den USA begründete. Parallel suchte Kracauer um Mitarbeit bei verschiedenen Institutionen nach, die nach dem Kriegseintritt der USA die Mentalität der feindlichen Länder zu ergründen suchten. Das überaus detailreiche Nachwort der Band-Herausgeber Christian Fleck und Bernd Stiegler folgt den mäandernden Wegen, die Kracauers Korrespondenz und mit ihr seine Manuskripte nahmen. Man erkennt staunend das Geflecht, das die aus den deutschsprachigen Ländern emigrierten Sozialwissenschaftler vor allem in New York miteinander verband.

„Eine Besserung der misslichen finanziellen Situation Kracauers ergab sich erst, als es ihm gelang, in der damals aufblühenden Erforschung von Medienwirkung Fuß zu fassen“, heißt es im Nachwort. Die umfangreiche Studie „Satellitenmentalität“, 1956 veröffentlicht, ist eine Frucht dieses Arbeitsgebiets. Ihre Ausgangslage beschreibt Kracauer mit seinem Ko-Autor Paul Berkman so: „Im Jahrzehnt nach der zwangsweisen Errichtung kommunistischer Systeme in den Staaten Ostmitteleuropas standen Forscher (...) vor allem vor einem Problem: Es war schier unmöglich, auch nur die einfachsten Informationen zu bekommen, herauszufinden, was die Menschen dort tun, wie sie arbeiten, was sie sagen und denken.“ Die Hoffnung auf „Befreiung“ durch den Westen, die zur Zeit der Studie noch geherrscht haben mochte, ging alsbald mit der Niederschlagung des ungarischen Aufstands zuschanden. Die Studie selbst kann nur mehr historisches Interesse beanspruchen.

So bestätigt denn der, die Werkausgabe abschließende, Band 2.2 das zitierte Urteil über Kracauer. Er bleibt der „Meister der kleinen Form“, wie sie in der im Vorjahr erschienenen vierbändigen Sammlung seiner Feuilletons Mal um Mal gelungen dasteht. Und vor allem weit zeitloser, als es der Auftragsforschung je möglich war. Mit dem Abschluss der neunbändigen, auf 16 Bücher verteilten Edition ist Kracauers Lebenswerk endlich zur Gänze greifbar. Bernhard Schulz

Siegfried Kracauer, Werke. Bd. 2.1: Von Caligari zu Hitler, hg. v. Sabine Biebl. 574 S., 54 €. Bd. 2.2: Studien zu Massenmedien und Propaganda, hg. v. Christian Fleck u. Bernd Stiegler. 896 S., 74 €. Suhrkamp, Berlin 2012.

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