Kultur : Der Kittel der Nation

Das Beste am Norden: zum Tod der großen Volksschauspielerin Heidi Kabel

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Putzmunter. Heidi Kabel als Sprechstundenhilfe Trude Engel in „Mein ehrlicher Tag“ 1975 im Hamburger St.Pauli Theater.
Putzmunter. Heidi Kabel als Sprechstundenhilfe Trude Engel in „Mein ehrlicher Tag“ 1975 im Hamburger St.Pauli Theater.Foto: dpa

Berühmt geworden ist sie mit einem Kittel. Der Kittel war gewissermaßen Heidi Kabels Erkennungszeichen, er signalisierte Bodenständigkeit und Disziplin. Sie ist in mehr als 160 plattdeutschen Theaterstücken aufgetreten, meist als abgearbeitete Hausfrau, die nicht unbedingt liebenswürdig wirkte, aber immer resolut und schlagfertig war. 1954 übertrug der NDR zum ersten Mal eine Aufführung aus dem Hamburger Ohnsorg-Theater bundesweit im Fernsehen, danach war die Kabel jahrzehntelang nicht mehr aus dem Programm wegzudenken.

Die Stücke hießen „Seine Majestät Gustav Krause“, „Die Königin von Honolulu“, „Tratsch im Treppenhaus“ oder „Willems Vermächtnis“, sie handelten von rustikalen Mietshaus-Kabbeleien oder Bauernfamilien, die ihre Großeltern aufs Altenteil abschieben wollten. Die Ohnsorg-Inszenierungen wurden zu einer Institution des Nachkriegs-Fernsehens, ein norddeutschen Gegengewicht zum bayrischen Komödien-Stadl und zur kölschen Millowitsch-Bühne. Eine Verwechslung führte zur nächsten, die Pointen konnten gar nicht derb genug sein. Heidi Kabel, die Intrigantin im Kittel, war schnoddrig, hinterlistig und manchmal richtig böse. Sie stieg in diesen simpel gestrickten, zuverlässig in ein Happyend mündenden Dramen zu einer der populärsten deutschen Volksschauspielerinnen auf. Nur Inge Meysel, die „Mutter der Nation“, war in diesem Rollenfach noch etwas erfolgreicher.

Heidi Kabel, 1914 als Tochter eines Buchdruckers in Hamburg geboren, hatte als 18-Jährige eine Freundin zum Vorsprechen an der „Niederdeutschen Bühne“ begleitet, die vom Bibliothekar Richard Ohnsorg gegründet worden war. Nicht die Freundin, sondern Kabel bekam das Engagement und stand 1933 erstmals in dem Stück „Ralves Carstens“ auf der Bühne. Anfangs besserte sie ihre Bühnengage noch durch Auftritte mit dem Schifferklavier auf. 1937 heiratete die Schauspielerin ihren Kollegen Hans Mahler, der 1947 zum Intendanten des Ohnsorg-Theaters berufen wurde. Heidi Mahler, das jüngste ihrer drei Kinder, feierte später ebenfalls Erfolge am Ohnsorg-Theater.

Der Berliner Intendant Boleslaw Barlog wollte Heidi Kabel an sein Theater holen, und Gustav Gründgens bot ihr eine Rolle in Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“ an. Sie blieb lieber dem Volkstheater treu. „Volksschauspielerin ist ja nicht nur Juhei, die Röcke hoch, es gibt ja auch sehr ernste Stücke“, hat sie gesagt. Mit 84 Jahren hat sie sich an Silvester 1998 von der Ohnsorg-Bühne verabschiedet. 2007 war sie in Detlev Bucks Kinderfilm „Hände weg von Mississippi“ noch einmal im Kino zu sehen. Zuletzt lebte sie in einem Altenstift. Am Dienstag ist Heidi Kabel mit 95 Jahren in Hamburg gestorben.

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