Kultur : Der Klang der Zukunft

Liebe auf Distanz: Warum alle klassische Musik wichtig finden – und bald keiner sie mehr hört

Christiane Tewinkel

Die gute Nachricht zuerst: Alle lieben Musik. Musik gehört zur menschlichen Grundausstattung, so ungefähr wie der Geschmackssinn, die Sprache oder das Bedürfnis, sich von den täglichen Anstrengungen auszuruhen. Eigentlich. Ist es einfach. Aber dann. Wird Musik hierzulande oft nur konsumiert, nicht selber gemacht. Splittert sich auf in eine, die man um ihrer selbst willen hört, und eine, die man beim Autofahren einlegt, zu der getanzt wird oder einkaufen gegangen. Manchmal vermischt sich die eine Sorte Musik mit der anderen, dann sind wieder ein paar Exegeten mehr mit der Frage beschäftigt, ob Kunstmusik und Popularmusik nicht längst in eins gefallen sind. Doch grundsätzlich herrscht es noch vor, das romantische Bild, dass es eine beste Musik von allen gebe, der man nur aufmerksam zuhörend huldigen kann und der man als Sprache über der Sprache und höchste aller Künste eigene Tempel errichtet hat – Konzert- und Opernhäuser.

In die bald niemand mehr strömt. Das ist die schlechte Nachricht. Gibt es 2050 noch ein Opernpublikum?, müsste man angesichts des 8. Kulturbarometers des Zentrums für Kulturforschung (ZfK) Bonn fragen. Seit 1990 liefert das ZfK regelmäßig Meinungsbilder zu kulturpolitischen Themen. An der letzten Erhebung war die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) beteiligt, die Gewerkschaft der deutschen Orchestermusiker. 2035 Bundesbürger über 14 Jahren gaben also erneut Auskunft über ihre Kulturvorlieben, inbesondere ihren Umgang mit Musik. Immerhin knapp die Hälfte der Befragten, nämlich 42 Prozent, vermeldeten, in den letzten zwölf Monaten mindestens ein Klassikkonzert oder ein Musiktheaterstück besucht zu haben. Manche sogar beides: 29 Prozent der Menschen waren in der Oper, 30 Prozent im Konzert. Darunter fallen zwar auch Schulaufführungen oder Ausflüge à la „Drei Mezzosoprane in der Waldbühne“. Aber grundsätzlich sind das gute Zahlen.

Trotzdem stehen sie für eine Abwärtstendenz. So zumindest geht es aus langfristigen Erhebungen hervor. Denn von Mitte der Achtziger bis in die Neunziger hinein war das Interesse kontinuierlich gestiegen – im Musiktheater von 13 auf 34 Prozent, im Konzertwesen von 20 auf 36 Prozent. Nun aber sind fünf bis sechs Prozentpunkte zu beklagen, die seitdem verloren gegangen sind. Der Verlust geht vor allem auf das nachlassende Interesse der jüngeren und mittleren Bevölkerungsgruppen zurück. Die Klassik zieht nicht mehr: Unter den 18- bis 24-Jährigen hat nun nicht mehr jeder Dritte, sondern nur noch jeder Fünfte mindestens ein Konzert besucht. In der ganzen Spielzeit 2004/05, wohlgemerkt.

Bei den 25- bis 34-Jährigen sieht es ähnlich düster aus, und noch bei den 35- bis 49-Jährigen ist der Anteil der Konzertbesucher von 41 auf 28 Prozent gesunken. Am alten Intendantentraum, dass Menschen zwischen zwanzig und vierzig den Konzerten zwar fernbleiben, aber wiederkommen werden, sobald Beruf, Familie und Finanzen unter Dach und Fach sind, scheint nicht mehr viel dran zu sein. Von einer „dramatischen, aber auch kontinuierlichen Entwicklung“ spricht Susanne Keuchel, stellvertretende Direktorin des Zentrums für Kulturforschung.

Keuchel erkennt in den Ergebnissen drei Tendenzen. Zum einen mache sich das „Wegrutschen der mittleren Generationen“ in der Besucherstatistik der Häuser zwar kaum bemerkbar, weil ältere Bevölkerungsgruppen an ihre Stelle treten. Das führt allerdings dazu, dass die Häuser sich auf die Alten, nicht auf die Jungen konzentrieren. Zum anderen bricht mit der mittleren Generation eine Elterngeneration weg, die nicht mehr musiziert, keine Konzerte besucht und ihre Kinder kaum mehr an die Klassik heranführen kann. Drittens ist, so Keuchel, in der Popularmusik zu beobachten, dass alle Altersklassen gern und häufig Konzerte besuchen: Vor zehn Jahren besuchten nur 6 Prozent der 50- bis 64-Jährigen ein Rock-, Pop- oder Jazz-Konzert. Mittlerweile sind es 20 Prozent. Der Popmusik geht es aber nicht zuletzt deshalb besser, weil die Musikindustrie sie fördert und sie im Alltag stets gegenwärtig ist.

Bewundernswert hoch bleibt bei all dem die breite Wertschätzung der Klassik. Man möchte geradezu von Doppelmoral sprechen: Klassische Musik gilt als Kultur par excellence, sie wird gemocht, geschätzt und für unbedingt fördernswert gehalten. Aber es ist eine Liebe auf Distanz: Mehr als drei Viertel der Befragten des Eltern-Kulturbarometers sind der Meinung, dass man die klassischen Kulturhäuser subventionieren sollte, auch wenn sie selbst sie kaum besuchen. Und 68 Prozent der Eltern mit Kindern unter 25 Jahren halten es gar für erstrebenswert, dass ihre Kinder ins Museum, Theater oder Konzert gehen. Noch knapp zwei Drittel der Eltern, die sich überhaupt nicht für Kultur interessieren, sind derselben Meinung.

In dieser Grauzone zwischen eigenem Anspruch und eigenem Einsatz, zwischen Liebe zur Musik und Berührungsangst lavieren die Versuche, konstruktiv mit den Problemen umzugehen. Noch tragen sie nur hie und da Frucht, vielleicht, weil man die großen Chancen kaum wahrhaben will. Zum Beispiel das Bedürfnis, zusammen auszugehen: Eine Pilotstudie der Uni Hildesheim hat gezeigt, dass mit Freunden etwas zu unternehmen das häufigste Motiv für den Theater-, Opern- oder Ausstellungsbesuch ist. Auch der Wunsch nach Bildung wird unterschätzt. Während die Bildende Kunst mühelos Zehn-, ja Hunderttausende von Besuchern in ihre Ausstellungen und vor ihre Informationstafeln lockt, gibt es in der Klassik noch immer kein sinnvolles Konzept, um Erwachsene konzise und zugleich kurzweilig über das Dargebotene zu informieren.

Und dann ist da noch die Lust am Singen. Sie ist nicht totzukriegen, nicht einmal durch die spezifisch deutsche Geschichte. Dem Jugend-Kulturbarometer zufolge interessieren sich von 14-24-Jährigen zwar nur 9 Prozent für klassische Musik. Aber bei denen, die Gesang als Hobby pflegen, liegt der Anteil bei 36 Prozent. Diese Lust am eigenen Tun ist das wohl größte Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Doch kann die viel gerühmt Erziehungsarbeit der Orchester- und Opernhäuser nicht alles im Alleingang leisten. Wer jungen Menschen das Grundrecht aufs Musizieren nicht vorenthalten will, muss konzertiert arbeiten, Schulen und Elternhäuser einbeziehen, vielleicht sogar regelmäßigen Instrumentalunterricht an den Schulen einrichten, wie es DOV–Geschäftsführer Gerald Mertens fordert.

Derweil zeigen Festivalkonzepte wie Berlins Sommerkonzertreihe young. euro.classic oder Experimente wie die von der Deutschen Grammophon zunächst als Werbestrategie ersonnene yellow lounge (wieder am 3. April in der Arena Treptow), wie dankbar junge Hörer auf alternative Präsentationsformen reagieren. Und sogar wer partout auf der Bewahrung des Konzertrituals beharren möchte, könnte hoffen: Angesichts eines neuen Biedermeier wächst das Bedürfnis nach Festlichkeit, nach parareligiösen Ritualen und Überhöhung des Alltags.

Doch hilft das alles nichts, wenn das Grundkarree nicht stimmt. Wenn Musik auch weiterhin unterteilt, sortiert und hierarchisch angeordnet wird: In wertvolle und wertlose, anstrengende und unterhaltende, förderungswürdige und anspruchsfreie. In eine, die Teil des eigenen Alltagslebens ist, und eine andere, die nur durch Eingeweihte verehrt werden kann. Wer diese Koordinaten beibehält, wird nicht umhin können, den höchsten Grad musikalischer Selbstvervollkommnung auch weiterhin im gut vorgebildeten Zuhören zu erkennen, nicht im Musizieren selbst. Und damit nicht nur dem Publikum, sondern noch den Chören und Orchestern von morgen die Kraft nehmen.

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