Kultur : Der Klangklotzschieber und die Nasebohrer

ELEKTRO

Volker Lüke

Die Volksbühne hat sich wieder herausgeputzt; der Club Neustadt geht in die dritte Staffel, das Bühnenbild bietet mit seinem Baustellencharakter eine Kulisse für die Experimente von Geräusche-Freaks, die sich abseits der Hitparaden eine neue Musik zusammenbauen. Los geht’s mit Static Hanno Leichtmann, der sein Album „Flavour Has No Name“ vorstellt: deutsche Schunkel-Elektronik mit entspannter Grundhaltung, Melodien, biegsam wie Knetmasse, abgefedert im Bum-Tschak-Knispelgroove – Musik, die nicht beim Nasebohren stört. Wohnst du noch oder lebst du schon? Scott Herren aus Atlanta Prefuse 73 ist da schon aus anderem Holz – ein Klangklötzchenschieber, der den kleinstmöglichen Einheiten im umfassenden Groove-System nachforscht, sich seine Musik mit Cut-Up-Technologie herschnipselt. Sein aktuelles Album „One Word Extinguisher“ ist vollgepackt mit nervösen Rhythmen und verstümmelten Breakbeats: ein Sampling-Chop-Suey auf HipHop-Basis. Eine Musik, die auf nichts hinaus will, nur tiefer in die Klänge hinein, bis alles pulsiert, bröckelt, bebt. So überdreht und präzise wie Jerry Lewis bei seiner berühmten „Schreibmaschinen-Nummer“ – als hätte ein Besessener alle Geräusche einer Metropole mit sich selbst multipliziert und gäbe sie nun im Zeitraster eines Popsongs wieder. Niemand wundert sich dabei über Geräusche, wie sie entstehen, wenn man Gebäude zum Einsturz bringt. Schließlich wanken von alters her die Mauern der Städte, wenn die Musik sich ändert. (Morgen gibt es noch mal Nachschlag – mit The Bug und Dälek – vor dem Abschlusskonzert am 11. Juli).

Zahl deine Miete und rücke vor zum Rosa-Luxemburg-Platz.

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