Kultur : Der kleine Knochen

Napoleon in Berlin: eine Karikaturen-Ausstellung zum 200. Jubiläum

Michael Zajonz

Der Kaiser buckelt. Und schwitzt. Und sieht ziemlich kleinlaut aus. Napoleon, der mit einem großen Schritt den Rhein gen Osten überquert, schreitet nicht leichtfüßig neuen Eroberungen entgegen. Nein, höchstpersönlich schleppt er die 1806 aus Berlin geraubte Quadriga des Brandenburger Tors zurück. „Der Wunsch der Berliner“ heißt die 1814 entstandene Karikatur eines anonymen deutschen Künstlers. Sie bekräftigt die preußische Rückeroberung des von den französischen Besatzern nach Paris entführten Wahrzeichens im Sommer 1814 mit den Mitteln politischer Satire.

Das als Einzelblatt eher unspektakuläre antinapoleonische Statement ist eine von rund 130 politisch-satirischen Zeichnungen, die die Stiftung Brandenburger Tor der Bankgesellschaft Berlin unter dem Titel „Napoleon! Kunst und Karikatur um 1800“ im Liebermann-Haus am Pariser Platz präsentiert: in Sichtweite der Quadriga. Der 200. Jahrestag von Napoleons Einzug durch das Brandenburger Tor in die besiegte Hauptstadt am 27. Oktober 1806, dem sich der Raub der Quadriga anschloss, bietet einen willkommenen Anlass, Napoleons weltgeschichtlichen Aufstieg und Fall anhand zeitgenössischer Karikaturen zu erzählen. In ihrer Gesamtheit bespötteln sie nicht nur die politischen Umstürze einer aufgewühlten Epoche, sondern erzählen auch von der Revolutionierung der politischen Öffentlichkeit. Wirkungsvoll kontrastiert werden sie durch ausgewählte Werke offizieller napoleonischer Propagandakunst. Idealisierung und Satire als zwei Wege, mit Kunst Politik zu machen.

In England, woher das Gros der ausgestellten Blätter stammt, blühte die Kunstform der Karikatur seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine bürgerliche Errungenschaft: In Printshops, den Ladengeschäften von Londoner Grafikverlegern, hingen die tagesaktuellen Karikaturen im Schaufenster aus – und wurden dort von Gassenjungen und Parlamentsabgeordneten heiß diskutiert. Man konnte sie ausleihen und in verschiedenen Preisklassen - koloriert oder unkoloriert – erwerben. Sie hingen in Schlössern und Kneipen.

Die meist kostbar von Hand kolorierten Radierungen, die nun in Berlin zu sehen sind, stammen überwiegend aus dem Wilhelm-Busch-Museum Hannover. Vor drei Jahren konnte das kleine Spezialmuseum eine Berliner Privatsammlung von Napoleon-Karikaturen erwerben. In Berlin, der ersten Station der von Gisela Vetter-Liebenow kuratierten Ausstellung, hat der Kunsthistoriker Sven Kuhrau Objekte hinzugefügt, die dem Genius loci huldigen. Etwa das eiserne Vorhängeschloss vom Brandenburger Tor, dessen Schlüssel dem bei Jena und Auerstedt siegreichen Napoleon im Oktober 1806 ausgehändigt worden ist. Empfangen wird der Besucher vom einzigen erhaltenen Originalfragment der Schadowschen Brandenburger-Tor-Quadriga: einem kolossalen Pferdekopf mit nur notdürftig retuschierten Einschusslöchern des Zweiten Weltkriegs. Spätere Eroberer erwiesen sich als weniger zimperlich als der Kaiser der Franzosen.

Bonaparte war nicht nur der große Eroberer und Politiker seiner Zeit, sondern auch die erste universale Spottfigur der Geschichte. Und Großbritannien das einzige Land, in dem sich diese Spottlust damals ungehindert von Zensur entfalten konnte. Und doch hat sich mit Napoleon das Medium Karikatur erstmals internationalisiert. In den wenigen politischen Hoffnungsjahren zwischen 1812/13, als das Bild des strahlenden Siegers durch den desaströsen Russlandfeldzug und die Völkerschlacht bei Leipzig erste Risse bekommt, und 1821, als der Verbannte auf St. Helena stirbt und in Europa die Restauration wütet, entstanden auch in Deutschland und Frankreich Karikaturen von dem Korsen. Doch selbst wenn sich Könner wie Johann Gottfried Schadow und E.T.A. Hoffmann mit spitzer Feder melden, erreichen satirische Bildideen im Land der Dichter und Denker nie den Irrwitz englischer Kollegen.

Wie herzhaft damals ein nicht nur von vielen Landsleuten vergöttertes Staatsoberhaupt verhöhnt, verunglimpft und symbolisch gemeuchelt werden konnte, lässt auch mit Blick auf den aktuellen Karikaturenstreit aufhorchen. Da erscheint „Little Boney“, der kleine Knochen Napoleon, als Versager im Bett, als in Frauenkleidern steckende Vettel oder als tobender Giftzwerg, der sich mit Tod und Teufel einlässt, um die Welt zu beherrschen. Auch wenn viele Feinheiten und Anspielungen heute nicht mehr zünden können, begeistern noch immer die – moderne Comics verblüffend vorwegnehmenden – Bildideen von Zeichnern wie James Gillray oder George Cruikshank. Sprechblasen inklusive.

Napoleon selbst zeigte sich über so viel Respektlosigkeit not amused. So wollte er die englische Regierung nötigen, Karikaturisten wie Mörder und Fälscher zu verfolgen und an Frankreich auszuliefern. Seinem Polizeiminister Joseph Fouché schrieb er 1804: „Mein Wunsch ist, dass Sie den Redakteuren klarmachen ..., dass ihre Zeitungen nicht lange überleben werden, wenn sie weiter nichts anderes als Übersetzungen von englischen Zeitungen und Bulletins bleiben; dass die Revolution vorbei ist.“ Karikaturen in der Presse waren schon immer gefährlich.

Max-Liebermann-Haus, Pariser Platz 7, bis 3. Dezember, Mo bis Fr 10 bis 18, Sa und So 11 bis 18 Uhr, Katalog 12.50 €

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