Kultur : Der kleine Pavarotti

Vom Wir zum Ich: Zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid blickt das Forum nach Südafrika

SilviaHallensleben

Von Silvia Hallensleben

Eine gezielte Vortäuschung falscher Tatsachen lässt sich wohl nicht nachweisen. Doch Etikettenschwindel ist es zumindest, wenn ein Programmanteil von acht Prozent – wie im Fall Lateinamerikas – großmundig als Länderschwerpunkt der Berlinale ausgegeben wird. Bei Südafrika ist die Sache ähnlich: ein Film jeweils in Wettbewerb, Panorama und Kinderfilmfest. Doch in diesem Fall kann wenigstens das Forum zur Ehrenrettung beitragen, das neben den dreistündigen „Memories of Rain“ aus der Geschichte des ANC auch eine zehnteilige Dokumentarreihe vom Kap selbst im Programm hat.

„Project 10“ wurde vom südafrikanischen Fernsehsender SABC1 aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums der ersten freien Wahlen entwickelt, um jungen südafrikanischen Filmemachern in einem Qualifizierungsprojekt die Möglichkeit zu geben, ihren eigenen filmischen Blick auf die Entwicklung der letzten Dekade vorzustellen. Dabei stand zehn Jahre nach der Befreiung von der Apartheid ausdrücklich ein neuer notwendiger Akt der Befreiung auf dem Programm: Die Emanzipation vom „Wir“ der Kampfesjahre zum „Ich“ der aufzubauenden Zivilgesellschaft. Und so erzählen die Porträts und Reportagen zwar selbstverständlich auch von Gewalt und Armut, doch ebenso von den privaten Familiengeschichten zwischen Township und Microsoft-Karriere, blitzblanker Mittelstandsvilla und Wüstendorf, von kleinen Schritten und großen Träumen.

Der 13-jährige Elton etwa, der nahe bei dem Touristen-Ort Hermanus an der Atlantikküste aufwächst und wie viele andere Jungs dort ein paar Rand verdient, indem er die Wal-Touristen am Strand mit Opernarien besingt. Von der Polizei werden die Kinder immer wieder brutal vertrieben Doch Elton hat viel Talent und das Glück, es bis zu kleinen Auftritten zu schaffen ( Being Pavarotti , Regie: Odette Geldenhuys). Zulfah Otto Sallies, eine der renommiertesten Regisseurinnen des Landes, hat das nicht einfache Verhältnis zur eigenen Tochter zum Thema gemacht, einer jungen Muslimin im Teenageralter, die während des Filmens ihr Herz für Abendgarderobe und Rugby entdeckt ( Through the Eyes of My Daughter ). Und Hot Wax von Andrea Spitz erkundet das Verhältnis der schwarzen Kosmetikerin Ivy zu ihrer weißen bourgeoisen Kundschaft im heutigen Johannesburg.

Der historische Hintergrund, der manchem bei diesen für das einheimische Publikum produzierten Filmen fehlen dürfte, wird kompetent von einer deutschen Produktion übernommen, die sich drei Stunden Zeit nimmt, um zwei Aktivisten vorzustellen, die über ein Jahrzehnt lang in der Illegalität und im Exil für die AntiApartheid-Bewegung des ANC gekämpft haben. Ein Mann und eine Frau, er schwarz und arm, damals noch Schüler; sie weiß, eine Journalistin aus wohlhabenden Verhältnissen. Beide haben ihr Leben im Kampf gegen die Apartheid riskiert, beide stehen jetzt dem Ergebnis ihrer Mühen distanziert und ratlos gegenüber. Doch im Unterschied zu Kevin Ohobosheane hat Jenny Cargill einen gut bezahlten Regierungsjob bekommen.

Für die Filmemacherinnen Gisela Albrecht und Angela Mai, beide biografisch mit Südafrika verbunden, ist Memories of Rain der erste Film – und wohl ein Lebenswerk. Zehn Jahre haben sie mit dem Material gerungen, daran gebastelt, versucht, Hunderte von Gesprächsstunden zu einem aussagekräftigen Ganzen zusammenzufügen und die vielen sprechenden Köpfe mit ebenso sprechenden Bildern zu konfrontieren. Damalige Originalschauplätze etwa, von Kameramann Matthias Seldte atmosphärisch in Szene gesetzt. Oder den Regen, der in zunehmenden Strömen vom Himmel fällt. Herausgekommen ist ein eindringlicher Film, der intelligent ganz persönliche Fragestellungen mit der Vielstimmigkeit historischer Erfahrung verknüpft und den Enthusiasmus des Aufbruchs ebenso schildert wie die Verhärtungen, die der klandestine Kampf mit sich bringt. So steht auch hier – wie im „Project 10“ – am Ende die Frage nach dem Gesicht einer künftigen demokratischen Gesellschaft. Und für uns die Erkenntnis, dass auch die Staatssicherheit manchmal durchaus sinnvolle Dinge getan hat.

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