Kultur : Der klingende Stammbaum

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Musiker schauen dich an. Bundespräsident Horst Köhler betrachtet in Leipzig die Portäts von Johann Sebastian Bach (l.) und dessen Vater Ambrosius Bach. Foto: dpa
Musiker schauen dich an. Bundespräsident Horst Köhler betrachtet in Leipzig die Portäts von Johann Sebastian Bach (l.) und dessen...Foto: AFP

Leipzig, am 20. März, dem Vorabend zu Johann Sebastian Bachs 325. Geburtstag: Auf dem riesigen Touchscreen im Eingangsbereich des renovierten und erweiterten Bach-Museums wühlt eine Menschentraube in virtuellen Bach-Dokumenten, als handele es sich um Schnäppchen beim Winterschlussverkauf. Es sind nur einige der 1200 Besucher, die das Haus in den ersten drei Stunden seiner Wiedereröffnung besucht haben. Und die Zeichen stehen gut, dass sich das Bach-Museum bald auch international als eines der attraktivsten Musikermuseen etabliert haben wird.

Das wäre auch an der Zeit. Zwar wurde das Palais von Bachs Nachbarfamilie Bose schon zum Jubiläumsjahr 1985 renoviert. Seitdem beherbergt es, sozusagen in Vertretung für die 1902 abgerissene Thomasschule, sowohl das Bach-Archiv sowie das von ihm getragene Bach-Museum. Doch den konservatorischen wie museumspädagogischen Anforderungen der Nachwendezeit war das Haus nicht gewachsen: Auswärtige Bach-Fans wunderten sich über eine rein deutschsprachige Ausstellung mit Vitrinen, in denen sich statt Originalhandschriften meist nur Faksimiles befanden.

Erst nach dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar ließ sich die komplette Renovierung zum Preis von mehr als 7 Millionen Euro durchsetzen. Hilfreich für die Einwerbung des Eigenanteils von 2 Millionen Euro, die zu den Fördermitteln aus dem Programm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ der Bundesrepublik Deutschland, des Freistaats Sachsen und der Stadt Leipzig hinzukamen, war die Wahl des international ebenso renommierten wie gut vernetzten Bach-Forschers Christoph Wolff zum Direktor des Bach-Archivs.

Neues Herzstück des Museums ist die in einem neuen einstöckigen Anbau untergebrachte 55 Quadratmeter große „Schatzkammer“. Wer sie betritt, wird nun fast erschlagen vor der Fülle der Originale: Als Erstes fällt der Blick auf das berühmte Memorandum, in dem Bach dem Rat der Stadt die Kosten einer wohlbestallten Kirchenmusik vorrechnete. In einer Vitrine, die eine Wand Raums vollständig ausfüllt, liegt beispielsweise der komplette Stimmensatz einer Kantate: Eine beeindruckende Gemeinschaftsarbeit von Bach und seiner Kopistenwerkstatt, zu der auch Frau und Familie zählten.

Erstmals zu sehen ist auch das Glaskästchen, in dem sich zwei Splitter von Bachs mutmaßlichem Sarg, eine Schließe seines Totenhemdes und der Fingerhut seiner Frau Anna Magdalena befinden. Zu den weiteren wichtigen Bach-Schätzen, die das Haus erstmals präsentiert, gehören die erst 2009 identifizierte Geldkassette der Familie Bach sowie der frisch restaurierte Spieltisch der Johanniskirchorgel, die vom Komponisten persönlich geprüft wurde. Die von 200 auf über 400 Quadratmeter erweiterte Hauptausstellung informiert klar, übersichtlich sowie in einer ästhetisch ansprechend zwischen Barock und Moderne vermittelnden Weise über Bachs Leben, Familie, Wirkungsstätten und Instrumente.

Ein wichtiger Platz wird auch dem Abenteuer Bach-Forschung eingeräumt: An einer eigenen „Forschungsstation“ lernen die Besucher die kriminalistischen Methoden der Handschriften-, Tinten- und Wasserzeichenanalysen. Sie dürfen sich sogar selbst daran versuchen, eine Bach-Handschrift zu datieren. Klangerlebnisse, die im Konzept vieler Musikermuseen einen neuralgischen Punkt darstellen, sind auf vielfältige Weise in das multimediale Konzept des Hauses eingebettet: Neben Konzerten im barocken Sommersaal gehören hierzu auch ein klingender Stammbaum der Musikerfamilie Bach, Klangstäbe in Form von abstrahierten Orgelpfeifen, eine bequeme Hörstation mit sämtlichen Bach-Werken in verschiedenen Interpretationen und schließlich eine interaktive Musikinstrumentenausstellung, in der man selbst versuchen kann, einen Bach-Choral mit Originalinstrumenten zu instrumentieren.

Einziger Wermutstropfen: Den weiteren Bach-Stätten wird die neue Konkurrenz aus Leipzig das Leben nicht leichter machen. Das weiß man auch im BachHaus von Eisenach, der Geburtsstadt des Komponisten. Dort eröffnete ebenfalls am 21. März die Sonderausstellung „Bachs Passionen – zwischen lutherischer Tradition und italienischer Oper“, die bis zum 30. 9. zu sehen ist. Wer in nur zwei kleinen Ausstellungsräumen mit einem so gewichtigen Thema punkten will, muss genau zielen – und auch provozieren. Weswegen der Besucher hier als einziges Autograf ausgerechnet das Titelblatt eines Werks mit unsicherer Zuschreibung zu sehen bekommt: nämlich der „Lukaspassion“. Obwohl von Bach abgeschrieben und bearbeitet, ist das Stück in der Vergangenheit kaum ernst genommen worden. Albert Schweitzer war sich sogar sicher, dass kein Musiker je auf den Gedanken kommen werde, das Stück ernsthaft aufzuführen. Doch wie man heute weiß, hat Bach genau das getan.

Einen sinnlichen Eindruck von dem überraschend vielfältigen Musikgeschmack des Thomaskantors erhält, wer sich durch den iPod des Meisters klickt: Auf kleinen Hörstationen, die den in originalen 71 barocken Kupferstichen dargestellten Leidensweg Christi begleiten, kann man nicht nur die Lukaspassion hören. Geduld vorausgesetzt, lernt man im Vergleich auch Ausschnitte aus den teilweise überraschend dramatischen Passionsmusiken von Telemann, Brauns, Händel und Graun kennen, die Bach in Leipzig im Wechsel mit seinen eigenen Werken zu Gehör brachte. Bachs Nachbarn sind eben in mehr als einer Hinsicht eine Reise wert.

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