Kultur : Der Klosterbauer

Das Architekturmuseum Frankfurt feiert Peter Kulka als Meister des Minimalismus

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Nach den Lehr- und Wanderjahren kommen bekanntlich die Meisterjahre. Die haben bei Peter Kulka erst spät, dafür umso fulminanter begonnen mit dem Neubau des Sächsischen Landtages in Dresden. Als das Parlament im Herbst 1993 bezogen wurde, schwärmten alle von dem ebenso schlichten wie transparenten Bau mit dem zylindrischen Glassaal und dem quadratischen Dach. Allerdings ist die Transparenz nicht nur eine Metapher für die Demokratie, sie ist auch eine Huldigung an die Umgebung mit ihren Prachtbauten, der Oper wie dem Zwinger, und der Elblandschaft. Seither gilt der 1937 in Dresden geborene und 1965 in den Westen geflüchtete Kulka als Könner seines Metiers, das er von der Pike auf als Maurer, Ingenieur und Architekt gelernt hat.

Nun stellt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main erstmals Kulkas Schaffen vor. Im Zentrum stehen 21 Projekte aus den letzten fünfzehn Jahren, während die Lehr- und Wanderjahre in Berlin und Köln von den 60ern bis in die späten 80er Jahre nur kursorisch dokumentiert sind. Damit wird das suchende, überwiegend für die katholische Kirche entstandene Frühwerk etwas unterbewertet. Kurator Yorck Förster präsentiert vor allem Fotos oder Modelle und weniger Grundriss- oder Lagezeichnungen. So wirkt die Ausstellung insgesamt anschaulich und belegt überdies, dass Kulka von drei Vorbildern geprägt ist: von Hans Scharouns Faible für Wege und Ebenen, von Mies van der Rohes Neigung zu Transparenz und kühler Noblesse und schließlich von Heinrich Tessenows klaren Formen.

Doch Kulka nähert sich jedem Bau differenziert und widmet sich zuerst dem Geist des Ortes. Ohnehin reizen ihn diffizile Aufgaben wie das Bauen im Bestand oder an Nicht-Orten. So entwarf er in einem von Plattenbauten geprägten und ohne Zentrum gebauten Stadtteil von Meiningen in Thüringen eine kubische Multifunktionshalle für Sport- und Kulturveranstaltungen. Das Foyer ist gläsern, die anderen drei Seiten fügen sich unscheinbar in den Bestand. Der öffentliche Bereich ist also transparent, der private Bereich wird umhüllt.

Diese subtile Inszenierung von Öffentlichkeit und Privatheit gelingt nur, da sich Kulka auf den jeweiligen Ort einlässt. Zudem verquickt er etwas, das auf den ersten Blick nicht zusammenpasst, nämlich Minimalismus und Sinnlichkeit. So lautet auch der Titel der Ausstellung. Kulka entwirft einfache, fast puristische Bauten, die er innen farbig bemalt, und die nach außen reizvolle Blicke auf die Umgebung ermöglichen. Und mit den vorhandenen Bauten versucht er einen Dialog, wie etwa bei der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst. Schon die unterschiedlichen Fassaden der Gründerzeitvilla und des Anbaus machen das deutlich. Eine tiefe Fuge trennt die alte, stark gegliederte Sandsteinfassade von der neuen, ruhigeren Faserzementfassade. Alt und Neu werden zwar formal deutlich getrennt, verbinden sich aber durchaus ästhetisch.

Eine Schneise schlägt Kulka gern auch in die Funktionen eines Hauses, etwa an einem Rückzugsort wie der Benediktinerabtei Königsmünster in Meschede. Dort baute er ein in zwei kubische Blöcke geteiltes und nur durch Brücken verbundenes Haus der Stille. Im schmaleren Block, dem Wege-Haus, befinden sich die Treppen für die vier Geschosse des größeren Blockes. Dieser aber, das so genannte Seins-Haus, beherbergt einen Meditationsraum, eine Kapelle, ein Refektorium und Gästezimmer. Hier ist innere Einkehr möglich. Aber wer im Seins-Haus unterwegs ist oder es verlassen will, muss sich zum Wege-Haus begeben. Ein faszinierendes architektonisch-philosophisches Spiel zwischen Dasein und Unterwegssein.

Dem inzwischen in Köln und Dresden beheimateten Peter Kulka gelingt bei jedem Bau die Anpassung an den lebendigen Stadtorganismus. Dabei versucht er sich auch auf unbekanntem Terrain, baut jetzt eine Feuerwache in Heidelberg oder entwarf Sportstadien für Chemnitz und Leipzig. Für diese nicht realisierten Stadien formte Kulka keineswegs den üblichen Hexenkessel, sondern eine organische Landschaft mit filigranem Säulenwald, auf dem ein transluzider Schirm aus Kunstgewebe ruht oder wie eine Wolke schwebt. So spielerisch kann Peter Kulkas Architektur sein, aber auch so ernsthaft wie in Meschede, Meiningen oder Dresden.

Frankfurt am Main, Deutsches Architekturmuseum, bis 5. Februar. Katalog 28 Euro.

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