Kultur : Der Knall der Götter

Voodoo und Video: René Pollesch eröffnet die Saison im Berliner Prater mit „1000 Dämonen“

Peter Laudenbach

Als sich der junge René Pollesch irgendwann in den Achtzigerjahren am Schauspiel Frankfurt „Hamlet“ ansah, beeindruckte ihn der Hauptdarsteller, ein bis dahin völlig unbekannter Schauspieler, enorm. Pollesch fuhr zurück nach Gießen, wo er die rätselhafte Kunst der „Angewandten Theaterwissenschaft“ studierte, und schrieb, befeuert von seinem „Hamlet“-Erlebnis, eines seiner ersten Theaterstücke. Titel: „Wuttke!“

Jetzt spielt der vor langer Zeit aus der Ferne Verehrte zum ersten Mal in einer Aufführung von René Pollesch. Und beiden, Martin Wuttke und Polleschs Regiekunst, tut diese Begegnung sichtbar gut. Zur Eröffnung der Saison im Berliner Volksbühnen-Prater (und zur Ehrenrettung der nach dem „Zocker“-Desaster an der derangierten Volksbühne) inszeniert Pollesch den Auftakt einer Endlos-Soap namens „Prater-Saga“. Uncharmantes Titel-Versprechen der ersten Lieferung: „1000 Dämonen wünschen Dir den Tod.“

Es geht um nigerianisches Noolywood-Kino und um okkulte Ökonomien: Tausche Dämon gegen Warenfetischismus, tausche Dollar gegen Liebeszauber. Es geht um eine tote Frau, die dauernd Geld spuckt („man braucht nicht einmal die PIN-Nummer“), und um den reichen Bigman, der in seiner Villa Depressionen bekommt und beleidigt ist, weil die Frauen immer nur auf sein schickes Sofa und nie auf ihn scharf sind („Ich weiß nicht, was ich mehr liebe - Dich oder die Couch“). Am Ende des Abends verkündet ein Werbetrailer, dass in der nächsten Folge der Soap ein einsamer Coach-Potato sein Sofa heiraten wird. So bastelt Pollesch mit höhnischem Grinsen seine ergreifenden (und ergreifend flachen), garantiert marxistisch geschulten Trash-Tragödien zwischen Menschen und Waren.

Der grob angedeutete Plot des Abends ist nicht mehr als ein Vorwand zur Dialog-Produktion: Afrikanische Videofilm-Produzenten wollen Bigmans Villa als Dreh-Set benutzen, um die Wunschträume ihrer Zuschauer anzukurbeln: Bilder vom urbanen Leben der Reichen als Kino-Droge. Die krude Story stört nicht weiter, wenn Polleschs neue Prater-Show Voodoo und Video feiert, also die einzigen Gottheiten, an die Volksbühnen-Chef Frank Castorf wirklich glaubt. Aber eigentlich geht es in der Pollesch-WG weder um Dämonen noch um Voodoo-Priester, auch wenn am Ende an einer Gummipuppe ein Vodoo-Ritual-Mord vollzogen wird, sondern wie immer um die Liebe im speziellen, den Diskurs im Allgemeinen und um die Frage, was zuerst da war, das Begehren oder das Wunschobjekt.

Bert Neumann hat wieder eine seiner gespenstisch real-irrealen Bühnen in den Prater gebaut. Phototapeten zeigen die behagliche Spießigkeit eines Villen-Wohnzimmers als Kulisse. Reden die vier Schauspieler dauernd davon, dass das Imaginäre der Wunschproduktion seine eigene Wirklichkeit herstellt, dreht Neumanns Bühne das Spiel um: Nichts könnte unwirklicher und alptraumhafter sein als dieser Plakat-Photorealismus aus einer „Schöner Wohnen“-Hölle.

Martin Wuttke spielt den Bewohner dieses Besserverdienenden-Endlagers, ein Villen-Besitzer, der ahnt, wie viele Erniedrigte und Beleidigte auf seinen Plantagen ihn zur Hölle wünschen. Womit der Vodoo-Titel des Abends lässig mit militanten Klassenkampf-Parolen kurzgeschlossen wäre: 1000 Ausgebeutete wünschen dir den Tod. Aber weil Identitäten in Polleschs Theater höchstens Arbeitshypothesen sind, verwandelt sich Wuttke, der Villen-Bewohner, zwanglos in eine Art Kunst-Dienstleister, der ahnt, dass er für die anderen bestenfalls ein Deko-Element ist: „Ich bin nur Ausstellung. Wie gemein! Sowas hat mir noch niemand gesagt!“ Kein Wunder, dass er später als Leib- und Liebessklave von einem wuchtigen Star-Dirigenten malträtiert wird. Während Volker Spengler auf dem Sofa sitzend entzückt vor sich hindirigiert, kauert Wuttke als verängstigtes Haustier neben ihm und wird ab und zu inbrünstig geschlagen. Wuttke und Spengler machen daraus die aberwitzig komisch-traurige Skizze eines seltsamen Ehekrachs.

Vor dieser Nummer als Kunst- und Gatten-Tyrann hatte Spengler in seiner Rolle des „Sugamamie“ einen trashigen Glamour-Auftritt, der jeden Schönheitschirurgen in Depressionen stürzen könnte. Denn Sugamamie hat sich entschlossen, Rilkes berühmte Forderung „Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst Dein Leben ändern“, endlich ernst zu nehmen: „Ich lasse mir etwas Fett absaugen. Und die Falten aufspritzen! Und die Brust verkleinern! Kommen Sie doch nächste Woche wieder – Sie werden mich nicht wiedererkennen!“

Das ist alles sehr lustig und nett anzusehen, wie auch die Darbietung der beiden Damen auf der Bühne (Christine Groß als Diabolo und Elisabeth Rolli als eine gewisse Twopence-Twopence) fraglos ihren Reiz hat. Nur die zerfaserte Ziellosigkeit des Abends, das endlose Kreiseln um sich selbst und den eigenen kuscheligen Trash-Mikrokosmos erzeugt eine gewisse Müdigkeit. Je länger mit all den großen Vokabeln jongliert wird, desto weniger bedeuten sie irgend etwas. Lauter Null-Sätze mit Worten in Großbuchstaben: „Die Verzweiflung, die etwas schönes aus uns macht!“ Klingt gut, bedeutet nichts. „Ich habe alles versucht, dich zu lieben, du andere Subjektivität!“ Lustig – aber: was soll’s.

Am Ende häufen sich die vielen bunten Text-Bonbons zu gefällig arrangiertem Phrasen-Müll. Aber vielleicht ist der Abend in Wirklichkeit ja nichts als eine aufwendige Fußnote zu einem Interview-Statement des große Philosoph und Sprachskeptikers Karl Lagerfeld: „Liebe, Glück, das sind strapazierte Worte. Man schämt sich ja, sie auszusprechen.“ Könnte auch von einer der Pollesch-Text-Maschinen sein.

Wieder am 3./4./5. November.

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