Kultur : Der Knolle Kern

Kulturgeschichte durch die Blume: Schloss Pillnitz erliegt der „Tulpomanie“

Michael Zajonz

Nach der Rose ist sie der Deutschen liebste Blume – und noch als Schnittware in der Lage, den Frühjahrsblues zu vertreiben. Mit dem Liebe-in-Venedig-Film „Brot und Tulpen“ eroberte sie die Herzen. Eine Alltagstaugliche, die ihre Schönheit erst langsam wieder entdeckt. Mitte des 16. Jahrhunderts gelangten ihre Zwiebeln nach Europa, im Gepäck von Istanbul-Reisenden oder durch venezianische Kaufleute.

Aus diesen Wild- und Frühformen züchteten Liebhaber und Händler zwischen Breslau und Wien bald blühende Statussymbole wie die rot-weiß geflammte „Semper Augustus“. Für eine ihrer – europaweit gesuchten! – Zwiebeln war 1637 der Gegenwert eines vornehmen Amsterdamer Grachtenhauses fällig. Als kurz darauf der niederländische Markt kollabierte, wurde schlagartig deutlich, dass man „mit Wind gehandelt“ hatte. New Economy in der Barockzeit.

Erstmals in Deutschland widmet sich das Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz bei Dresden einer Obsession, die Fürsten, Gelehrte und Künstler bis ins 18. Jahrhundert auf die Knolle kommen ließ: die „Tulpomanie“. Seit zwei Jahren wird Pillnitz von André van der Goes geleitet. Der in Haarlem, der Hauptstadt niederländischer Tulpomanen, Aufgewachsene hält es listigerweise mit den historischen Fakten. Die besagen, dass es in Deutschland bis zum Dreißigjährigen Krieg eine Zucht- und Sammelleidenschaft, ja eine Tulpenkultur gab, die der unserer Nachbarn ebenbürtig war.

Am Anfang des Parcours stehen Tulpendarstellungen osmanischer Hofkünstler: auf Waffen, Stoffen, seltener Iznik-Keramik. Kostbarkeiten, die ab 1529 auch durch die Kriegszüge Sultans Süleyman des Prächtigen nach Mitteleuropa gelangten. Bei den Osmanen dominierte die religiöse Bedeutung der Tulpe – das arabische Wort lâle enthält dieselben Konsonanten wie Allah. Im alten Europa überwog die Freude an ihrer profanen Pracht. Auch wenn Philologen und Botaniker noch immer darüber streiten, ob mit der „Lilie der Täler“ im biblischen Hohelied und den „Lilien auf dem Felde“ der Bergpredigt nicht wilde Tulpen gemeint sein könnten.

Tulpen standen im Barock für vieles: Vergänglichkeit, Eitelkeit, jungfräuliche Keuschheit – und ihr genaues Gegenteil. Der künstlerische Blick auf die Blüte fiel eindeutiger aus. Oft halten sich botanisches Detailinteresse und raffinierte Stilisierung die Waage. Der Kostbarkeit der Pflanzen antworten Material und Ausführung des Werks. Auch van der Goes setzt bei seiner Auswahl auf solche Qualitäten, ohne eine dieser schwer verdaulichen Luxusleistungsschauen höfischer Kunst anzurichten. Im Gegenteil: Die knapp 200 Gemälde, Grafiken, Waffen, Textilien, Fayencen und Kunstkammerstücke erzählen – gewissermaßen durch die Blume – von einem Lebensgefühl. Von Wissensdurst, Gier und krimineller Energien. Man staunt, was in dieser Zwiebel alles steckt. Michael Zajonz

Dresden, Schloss Pillnitz, bis 8. August. Katalog (Uitgeverij Waanders, Zwolle) 29,80 €.

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