Kultur : Der König lebt

Zum 80. Geburtstag des französischen Schauspielers Michel Piccoli

Jan Schulz-Ojala

Ein klares, straffes, beherrschtes Gesicht. Kantiges Profil. Die kräftigen, tiefschwarzen Augenbrauen, Gedankenstriche in einem Felsen von Stirn. Und über allem der Dean-Martin-Hut: In keiner Szene setzt er ihn ab, nicht im Bett, nicht im Bad, nicht an der Tür, hinter der Brigitte Bardot telefoniert, nicht auf dem ewig futuristischen Dach der Villa Malaparte auf Capri. Ein Körper unter einem Hut, ein Mann, der in einer unendlich intimen, berührungslosen Bettszene den Körper seiner Frau mit Wörtern kost, ein Mann, der seine Frau einen Film lang nicht begreift und sie in einer Sekunde verliert.

So taucht Michel Piccoli, es ist über 40 Jahre her, auf der Leinwand auf, als beruflich frisch geheuerter und ehelich bald gefeuerter script doctor namens Paul in Jean-Luc Godards „Le mépris“ (Die Verachtung), seinem immerhin 53. Film. Und doch: „Le mépris“ ist sein wirklicher Erstling, der Film, der ihn in den Olymp des europäischen und französischen Kinos katapultiert, immer wieder gefragt von Großen wie Chabrol und Buñuel, Halbgroßen wie Marco Ferreri und Claude Sautet und unzähligen Kleineren. Ein homme à femmes mit Catherine Deneuve zum Beispiel („Belle de Jour“) oder Romy Schneider (sechs Filme dreht er mit ihr, auch ihren letzten: „Die Spaziergängerin von Sanssouci“). Und doch: Piccoli bleibt einer, den man zuerst für sich allein denkt. Einer, dessen Profil sie immer alle haben wollten für ihr Profil.

Schon früh hat man dem italienischstämmigen Michel Piccoli, Sohn eines Geigers und einer Pianistin, den diskreten Charme der Bourgeoisie angepappt – jenes Etikett, das 1972 zum Titel eines schwül-reifen Buñuel-Films werden sollte. Charme? Aber ja. Diskret? Mit seiner realen Existenz ist Piccoli grundsätzlich diskret umgegangen, fernab der längst inflationären Interview-Rampensauereien. In seinen Rollen ist er eher indiskret: beunruhigend selbst dort, wo er den Grandseigneur gibt – und nach ’68, als das Kino sich mitunter grobschlächtig zu sich selbst befreit, ein paar Jahre lang die größte anzunehmende Rampensau.

Kein Wunder, mit dem Theater hat Piccoli angefangen, und das Theater lässt ihn bis heute nicht los. Drei drastische, auch extrem theatralische Filme, 1973/74 fast gleichzeitig wie ästhetische Molotow-Cocktails in den Kinos gezündet, haben ihn mit einem Schlag zum Oberskandalschauspieler befördert: „Themroc“, „Das große Fressen“ und „Trio infernal“. Typische Filme ihrer Zeit: So dringend möchte man sie heute nicht mehr sehen. Zu einfach die Provokation. Zu simpel destruktiv das rüpelnd-rülpsende, oral-anal-genitale Bürgerverstörvergnügen.

Lange her. Spätestens seit 1991, seit Jacques Rivettes „La belle noiseuse“ (Die schöne Querulantin), umweht Michel Piccoli wieder jener herb-subtile erotische Zauber des Beobachters, den das Kinopublikum seit „Le mépris“ liebt. Rivettes Maler Edouard Frenhofer, der selbstmitleidlos an der ebenso leisen wie vitalen Ausstellungs- und Eroberungslust eines Aktmodells zerbricht, das ihn doch bloß aus einer Schaffenskrise befreien sollte – was ist er anderes als der gereifte Bruder des Godard’schen Drehbuchschreibers, dessen unwiderstehlich rätselhafte Frau sich am liebsten in knallrote oder knallgelbe Badetücher hüllt? So reist einer durch seine Filme, über 200 sollen es bis heute sein, von einem Leben ins nächstältere weiter.

Neuerdings dreht der ruhelose Michel Piccoli, der heute unglaubliche 80 Jahre alt wird, gern mit einem ebenso Unverwüstlichen, noch Älteren: dem mittlerweile fast 100-jährigen Portugiesen Manoel de Oliveira. In „Je rentre à la maison“ (2001) spielt Piccoli einen wie sich selbst, einen alten Schauspieler zwischen Theater und Film. Erst wird ihm nach einer Probe zu Ionescos „Der König stirbt“ eröffnet, seine Familie sei soeben bei einem Autounfall getötet worden, und am Ende stiehlt er sich von einem Filmset davon, auf dem ihm das Sprechen abhanden kommt. Zwischendurch beobachtet die Kamera, schönstes Verweilen des Films, Piccoli bei der sehr, sehr langsamen Abblende aus einem Leben. Im Café sitzen und Zeitung lesen. Leute betrachten, die einen selber nicht mehr sehen. Und Schuhe kaufen. Nie ist es zu spät im Leben, um neue Schuhe kaufen zu gehen.

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