Kultur : "Der König tanzt": Die Musik der Macht

Simone Mahrenholz

Schlicht verboten hatte Plato in seinem Entwurf eines idealen Staates bestimmte musikalische Tonarten. Es drohte Subversion: Sie könnten ja schlummernde aufrührerische Kräfte wecken. Da ist es nur konsequent, dass Herrscher sich auch umgekehrt immer wieder der Macht der Musik versicherten. Im absolutistischen Staat des "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. gelangte diese Allianz zu voller Blüte. Der junge Florentiner Komponist Lully kam im Alter von 21 Jahren an den Hof. Und der noch jüngere Teenager-König, der seine damals noch real existierende politische Ohnmacht mit einer aktiven Besessenheit für den Tanz kompensierte, wusste sich der künstlerischen Talente wie des enormen Aufsteigerwillens des Italieners geschickt zu bedienen. Zwei machthungrige Jünglinge nutzten einander strategisch präzise für ihre Zwecke aus.

Das Verhältnis von Jean-Baptiste Lully und seinem König wird in Gérard Corbiaus Film von den ersten Momenten an auch als erotisches gezeichnet. Schon in den Gesichtern bildet sich das ab. Selten hat man einen ganzen Film lang so interessiert in die Züge seiner Hauptdarsteller gespäht - Frucht eines klugen Castings, der hervorragenden Maske und offenbar einer menschlich geschickten Regie des belgischen "Farinelli"-Regisseurs Corbiau. Corbiaus Handschrift beim Gestalten der Charaktere ist hier vor allem durch Ambivalenz, durch Uneindeutigkeit gezeichnet, gepaart mit machiavellistischer Unschuld. Sein Lully, gespielt von Boris Terral, irrlichtert zwischen Machtgier und Liebe, zwischen homo- und heterosexuellen Neigungen durch den Film. Und König Ludwig, gespielt von Benoit Magimel (und als Junge glänzend von Emil Tarding dargestellt), changiert zwischen Angst, Schwäche und visionärem Starrsinn.

Bekenntnis zum Manierismus

Vom ersten Moment an befinden wir uns in einem prachtvollen Hofspektakel, das optisch seinesgleichen sucht. Mit moderner Kameraführung - man ahnt stets die Kräne, auf denen die Kameras über ihre Protagonisten und den höfischen Pomp gleiten - wird man Zeuge des absoluten Willens zur Inszenierung. Hier ist die Macht reine Darstellung: Vom gleichzeitigen Kriegsgeschehen, das Ludwig seine außenpolitischen Erfolge beschert, ist nichts zu sehen. Dafür ist noch jeder Hofschranze sorgfältig besetzt, und die den Film durchziehende Musik Lullys und seiner Zeitgenossen wirkt in der Interpretation von Reinhard Goebel und der Musica Antiqua Köln fast jazzig, vibrierend, voller jugendlicher Energie. Immer wieder lässt Corbiau die Handlung Handlung sein und schickt den Zuschauer auf einen audiovisuellen Trip: beim Verschmelzen von Bild- und Tonpracht. Schnell ist man bereit, das stilistische Bekenntnis zum Manierismus und zur ästhetischen geschlechtlichen Ambivalenz hoch zu schätzen: seiner geschmackssicheren Auflösung wegen, mit Bildern und Sequenzen von oft herausragender künstlerischer Qualität.

Der dramaturgische Hauptstrang widmet sich dem Verhältnis von König und Komponist - Frauen kommen vor allem als herrschsüchtig-kalte Königsmutter und als erotische Appetithäppchen vor. Doch auch der Dichter Molière (Tcheky Karyo) gehört zum produktiven Männerbündnis, das der Ehrgeiz auseinander treibt. Eifersüchtig war Lully auf die Macht der Worte: seine Musik wollte sich nicht länger Molières Texten unterordnen: Ein Machtkampf zwischen Text und Ton begann, der erst viel später in die so genannte "Absolute Musik" mündete.

Lully komponierte seine Musik ausdrücklich unabhängig von den gesamteuropäischen Stilen seiner Zeit, da der König sich frei von traditionellen Bindungen darstellte: eine rare künstlerische Situation. Entsprechend ist die Welt der Künste und des Privaten in diesem Film stärker beleuchtet als andere Realitätsebenen. Der Film selbst ist dabei mehr Kunst als Handlung und lässt seine erzählerischen Ambitionen zugunsten der Musik - und Tanz-Elemente immer wieder zurückstehen. Das sollte man ihm nicht vorwerfen: Gérard Corbiau hat den Mut zu einer ganz eigenen Stilistik.

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