Kultur : Der König und sein Buhle

Ulrike Kahle

Starke Bilder. Ein kühner Entwurf. Nacktheit und Nebel. Feuerfunken. Blut und Kot. Ewiges Eis. Nur - die Schauspieler wirken oft so klein und verloren in dem mächtigen Bühnenbild, überfordert durch starke Stilisierung. Dann machen sie leere, hohle Gesten oder schreien sich die Kehle wund, leider lächerlich.

Doch von vorn. Edward II. ist ein blutrünstiges, verzweifeltes, kottriefendes Stück über einen schwulen König, der über seine Liebe alles andere vernachlässigt: Sohn, Gattin, Lord und Peers, das englische Volk. Christopher Marlowe, der geheimnisumwitterte Zeitgenosse Shakespeares, mit 30 Jahren erstochen in einer Kneipe, vielleicht von der Geheimpolizei, muß ein wilder Geselle gewesen sein, ein Aufsässiger, ja, ein Ketzer. Sein 1592 entstandenes Stück folgt den historischen Tatsachen und stellt Edwards Liebe zu dem allgemein verhassten Piers de Gaviston in den Mittelpunkt.

Eine dünne Story - oder liegt es an der Inszenierung? Aus Liebe all dieser Untergang, dieses Gemetzel? Peter Jordan als Gaviston ist wirklich ein "Groschenjunge", ein Widerling, der sich spreizt in der Königsliebe und sonst kein Gefühl zeigt. Warum Werner Wölberns Edward den nun liebt? Der Sohn fragt: "Vater, was liebt Ihr den, den alle Welt so hasst?" Des Königs Antwort "Weil er mich mehr liebt als die ganze Welt" ist vermutlich pure Selbsttäuschung.

Regisseur Martin Kusej lässt sein Entwürdigungsspiel in dichtem Nebel beginnen. Der halbnackte Edward nimmt seinem aufgebahrten, halbnackten, toten Vater die Krone, setzt sie auf und holt sich Gaviston zurück. Im Duett behaupten sie freudig ihre sonst eher schemenhaft bleibende Liebe. Kusej spielt mit Kontrasten: nach Nebel, Nacktheit, freudigem Funkenregen ein harter Schnitt: die vorher leere Bühne gefüllt mit Peers in ausladenden Brokatkleidern, selbst der Bischof im roten dekolletierten Kleid, prunkvoll, verderbt. Anpassung? Heuchelei? Verordnung? Ein Bild wie gemalt: all die reizenden Thalia-Männer in den herrlichsten Kleidern, die einzige Dame, Isabella, herausgehoben in kräftigem Lila (Kostüme Heide Kastler). Und immer wieder Bilder, die verblüffen. Die beiden Liebhaber nackt, der König und sein Buhle, aufrecht auf der Totenbahre, die Lords am Boden mit gebeugten Rücken. Und die beiden Nackten haben mehr Würde, mehr Anstand, sind mehr sie selbst als die prächtig Gekleideten. Und werden doch Verlierer. Gaviston muss weg und Krieg beginnt.

Pulp Fiction. Blutclowns. Schlachten. Männer in Anzügen, mit Pistolen, eimerweise Blut, wüstes Geknalle von jedem gegen jeden, durchaus parodistisch, zur stimmungsvoll rhythmischen Musik von Bert Wrede. Doch langsam beginnt die Inszenierung zu entgleisen, wird vor lauter Symbolismus zunehmend unverständlich. Die Königin muss im Hintergrund umständlich auf ihrem Liebhaber Mortimer reiten, der unglückliche Königsbruder muss stammeln und stolpern, der ängstliche Gauner Baldock zittern und zagen und so fort. Vielleicht ist auch die Bühne nur zu gewaltig klar und schön (von Olaf Altmann, sonst im künstlerischen Verbund mit Michael Thalheimer): zwei mächtige Wände drehen und verschieben sich, und zwischen ihnen lavieren die Schauspielerlein, mit nichts als einem Eimer, der Bahre, Nebel, Blut, mal ein wenig Kot, mal Urin, und am Ende viel Eis.

Als Edward fast alle umgebracht hat, seine Earls grässlich verrenkt in ihren Blutlachen liegen, wird er gefangen und - bei Marlowe - in Londons Jauchegrube gesteckt. Tiefste Erniedrigung. Kusej legt ihn auf Eis. Wieder ein starkes Bild: Eis bedeckt den Boden, darauf liegt Edward - und Werner Wölbern schafft es sogar, Mitleid zu erregen für diesen verblendeten nichtmehr König. Doch dieser Stillstand vor dem Tod wird lähmend, weil die anderen, besonders Isabella (Judith Rosmaier), nur im Eis herumstaksen oder matt herumstehen. Weil außer Werner Wölbern und der herausragenden Susanne Wolff als Lightborn keiner die Spannung halten kann in dieser ausgekühlten Welt. Ja, Lightborn oder auch Luzifer, Teufel und Tod, den spielt eine Frau, und sie ist verliebt in ihre meisterliche Beherrschung der Todesarten und das ist unheimlich und unheimlich gut gespielt.

Kurz vorher haben auch Isabella und Gaviston eine Szene, wo es prickelt, wo Begehren und Ekel sich mischen, als der verhasste Liebhaber des Gatten der Gattin ans Geschlecht geht - doch meist sind all diese eklen, sexuell oder gar erotisch gemeinten Aktionen künstlich, ungeschickt ausgeführt. Schade, schade. Aus dem dichtem Nebel der angeborenen oder angemaßten Königswürde, über köstlichen Funkenregen zur Feier der Liebe, über viel Nacktheit, viel Blut in die Erstarrung, ins ewige Eis: es hätte ein grandioser Bilderbogen zur Verdammnis der Menschheit werden können.

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