Kultur : Der Kollege als Händler

Ein Stück Deutschland: Seit 40 Jahren verbreitet Klaus Staeck Parolen, Plakate und politische Postkarten

Birgit Rieger

Das Logo der Edition Staeck ziert eine schwarze Bombe auf gelbem Grund. „Vorsicht Kunst“ steht darunter. Tatsächlich sorgen die Postkarten, Plakate und Bücher des Heidelberger Künstlers seit Jahrzehnten für Zündstoff. So polemisierte Staeck 1997: „Ein Volk, das solche Boxer, Fußballer, Tennisspieler und Rennfahrer hat, kann auf seine Universitäten ruhig verzichten.“ Inzwischen produzierte der gebürtige Bitterfelder, der seit 1986 Honorarprofessor an der Kunstakademie in Düsseldorf ist, mehr als 300 Plakate, dazu kommen Holzschnitte und Siebdrucke sowie Collagen, Objekte und Fotos.

1965 gründete der studierte Jurist und künstlerische Autodidakt den Produzentenverlag edition tangente, der heute Edition Staeck heißt. Seitdem vertreibt er eigene Werke und Editionen von 60 anderen Künstlern in Eigenregie. Joseph Beuys, Christo und Wolf Vostell waren von Anfang an dabei. „Sie sehen mich als Kollegen und nicht als Händler“, meint Klaus Staeck. Den jungen Beuys etwa kannte seinerzeit noch niemand. Die mit Schwefel überzogene Zinkkiste (tamponierte Ecke) bot Staeck für 1100 Mark an. Zwei Exemplare sind heute noch in seinem Heidelberger Lager und kosten ein Vielfaches.

„Wer den Mut hat, unbekannte Künstler zu kaufen, wird mit niedrigen Preisen belohnt. Wer erst zugreift, wenn der Künstler durch die Weihen der Galerien und Museen gegangen ist, soll ruhig das zigfache bezahlen.“ Klaus Staeck hat seine gute Nase vielfach bewiesen. Nicht nur bei alten Freunden wie Beuys oder Polke, sondern auch bei Shootingstars wie Neo Rauch, dessen Lithografien auf Büttenpapier (Auflage 35 Stück) im Handumdrehen vergriffen waren. Trotz dieser Erfolge bleibt seine Haltung zum Kunstmarkt kritisch: Derzeit gehe vieles durcheinander, meint Staeck. Galerien stellten in Museen aus, Museen hätten kein Geld für Investitionen und die staatlich subventionierten Kunstvereine mischten sich in den Handel ein. Dem Kunstmarkt fehle es ebenso an Klarheit, wie der Politik.

Dabei ist Klaus Staeck selbst das beste Beispiel für Grenzüberschreitungen. Seit 2004 ist der 66-jährige Kultursenator in Sachsen-Anhalt. Und sein politisches Engagement reicht weit zurück: 1960 der Eintritt in die SPD. 1972 die Kampagne zur Bundestagswahl mit dem legendären Plakat „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.“ 41 Mal gingen Anwälte erfolglos gegen Staecks Plakate vor. 2003 protestierte er mit Künstlern und Intellektuellen gegen den Irakkrieg. 2004 stand er mit einer abgewetzten Aktentasche in der Flick-Ausstellung, um Gutscheine für den „freien Eintritt ehem. Zwangsarbeiter der Flick KG“ zu verteilen. Einmischen gehört für Staeck zur Bürgerpflicht. Nichtsdestotrotz gibt es in der Edition Staeck auch Unpolitisches: ornamentale Holzschnitte von Uwe Eßer (Aufl. 20, 230-250 Euro), Kaffeetassen mit ineinander verschlungenen Henkeln von Kirsten Klöckner (Aufl. 100, 120 Euro) oder Lithografien von Nam June Paik (ab 400 Euro).

„Unsere Stärke ist der Haarschnitt“, solche Fundstücke hat Staeck auf seinen Reisen in Ost und West fotografiert. Diese in drei Jahrzehnten geschaffene Sammlung charmanter Tristesse ist zurzeit im Willy-Brandt-Haus in Berlin zu sehen. Parallel dazu läuft in den Phoenix-Fabrikhallen der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg eine Retrospektive. Der Titel dieser Ausstellung mag zur Erklärung der aktuellen Renaissance des Dauerquerulanten beitragen: „Nichts ist erledigt.“

Willy-Brandt-Haus, Stresenmannstraße 28, bis 30. Januar 2005.

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