Kultur : Der komische Samurai

„Zatoichi“ erfindet ein altes Genre neu - und wagt den Ausflug ins Heitere

jan Schulz-Ojala

Dieser Film hat viele Schwertkampfszenen. Aber sie sind nicht langweilig auf die Dauer. Dieser Film ist sehr gewalttätig. Aber er tut niemals weh. Dieser Film hat eine Reihe von ziemlich lärmenden Musikeinlagen. Aber sie nerven nicht, im Gegenteil. Dieser Film hat viele komische Augenblicke. Aber sie sind keineswegs albern. Dieser Film bedient dieses und dieses und auch jenes Genre. Und zugleich keines von ihnen. Mit anderen Worten: „Zatoichi“ ist ein Solitär.

Titelheld Zatoichi, ein alter Blinder mit knallblond gefärbten kurzen Haaren, sitzt gerne irgendwo dumm rum, ein perfektes Überfallopfer für eine Lumpenbande, möchte man meinen. Und dann schlägt er mit seinem blutroten Blindenstock, in dem sich eine lange, tödliche Klinge verbirgt, die eine Hälfte der Lumpenbande tot und die andere in die Flucht. Zatoichi ist blind, aber sieht alles. Und man glaubt ihm das sofort. Ist Zatoichi vielleicht Gott, verkleidet als eine Art Rentner auf dem Lande?

Eines ist klar: Zatoichi hilft den Armen und Ausgebeuteten. In einem Dorf im Japan früherer Jahrhunderte, in das er scheinbar entspannt hineinwandert, regieren zunächst in blutiger Zwietracht zwei Banden, nachher nur noch eine und am Schluss Zatoichi. Nein, Zatoichi regiert nicht, er ordnet sich nur niemandem über oder unter, so einfach ist das. Zatoichi unterstützt die gerechte Sache, aber er macht sich nicht gemein. Zatoichi ist einsam, aber er hat durchaus seinen Spaß an der Welt. Einen solchen Samurai hat das Kino noch nicht gesehen.

Takeshi Kitano, der vor 15 Jahren als Regisseur mit blutigen Gangster-Dramen aus dem Yakuza-Milieu begann („Violent Cop“, „Sonatine“), hat sich mit seinem knappen Dutzend Filmen, die er zudem selbst schreibt und schneidet, ein unverwechselbares Universum geschaffen. „Hana-Bi“ und „Kikujiros Sommer“ waren schmerzhafte, melancholische, zärtliche Roadmovies, für die es keinerlei Entsprechungen gibt; zuletzt verblüffte Kitano sein Publikum mit „Dolls“, einer verrätselten, leuchtenden Elegie auf Liebe und Einsamkeit in drei Episoden. „Zatoichi“ ist Kitanos fast dahergeflüsterte Antwort auf das asiatisch-amerikanische Crossover-Gewaltkino – und lässt sogar die Erfinder von „Ghost Dog“ oder „Kill Bill“ wie kleine Jungs aussehen.

Mit perfektem Timing und eleganter formaler Präzision führt Kitano eine Reihe von Motiven beiläufig zu einer großen, bündigen Geschichte zusammen. Da sind die beiden Geisha-Geschwister, die in das Dorf ihrer Kindheit zurückkehren, um für die Ermordung ihrer Familie blutig Rache zu nehmen. Da ist der Samurai Hattori, Zatoichis traditionalistisches Pendant, der sich bei der Ginzo-Gang als Killer verdingt, um die Behandlung seiner schwerkranken Frau zu finanzieren. Da sind eine freundliche Alte und ihr eiteldummer Sohn, der von den Ginzos – oder waren’s ihre Rivalen – beim Glücksspiel ausgenommen wird. Da ist ein Dorftrottel, der brüllend und halbnackt in voller Kriegsbemalung um die Häuser zieht. Da sind Bauern, die in die Feldkrume hacken, als probten sie für ein perkussives Sensenmännerballett. Und da ist Zatoichi, der Fremde, der aufräumt mit (fast) immer geschlossenen Augen.

Kein Pathos: Das ist schon mal großartig. Dafür Ökonomie: Jede Einstellung sitzt, jede Szene hat ihre genau ausgemessene Zeit. Ein Genuss. Und wenn dann doch immer wieder Blut spritzt, in exakt wie mit dem Psychochronometer gestoppten Situationen, dann trifft es immer nur die Bösen: „Zatoichi“ ist ein Märchen der Gerechtigkeit, über das auch große Kinder melancholisch schmunzeln dürfen. Denn man muss schon blind sein für diese Welt, um ihr – immer unter Lebensgefahr – solche Wunder anzutun.

„Zatoichi“ ist Takeshi Kitanos erster Historienfilm. Und der erste, seit seinem Debüt „Violent Cop“, der sich an einer fremden Vorlage orientiert, einem Serienstoff aus den Sechziger bis Achtziger Jahren (siehe nebenstehendes Interview). Doch Kitano erfindet die Vergangenheit souverän neu, und von seiner Vorlage hat er, so scheint’s, nur ein paar Details wie aus einer verstaubten Regieanweisung übernommen. Darf man sagen, „Zatoichi“, dieser völlig neuartige Action-Film vor allem für den Kopf, macht glücklich? Kitano würde ein solches Lob wohl mit steinerner Miene hinnehmen – wie sein Held, den er selber verkörpert. Immerhin einmal macht Zatoichi selber glücklich: Den beiden traurigen Geishas schenkt er eines Tages ihr Leben zurück, Kindheit inklusive. Es gibt dafür sogar einen Beweis: Genau hingucken, wir sind ja nicht blind.

Central (OmU), Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, FT Friedrichshain,

Hackesche Höfe, Neues Off

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