Kultur : Der Komponist auf der Anklagebank

CHRISTOPH FUNKE

Als er vor dem Ausschuß zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeiten im September 1947 nach seinem Beruf gefragt wurde, antwortete Hanns Eisler: "Ich bin ein Komponist".In der Antwort steckt List und eine große Sehnsucht: Komponist sein zu dürfen.Die Inquisitoren in Washington versuchten, den körperlich kleinen Mann zum gefährlichen Kommunisten, zum Verbreiter von Pornografie zu machen.Die Fragen und Antworten kamen aus verschiedenen Welten; über Eigenarten von Dichtung und Musik gab es nicht die Spur einer Verständigung.Eine biedere, moralinsaure Wirklichkeit hob der Ausschuß auf den Schild und beschuldigte Eisler, sich gegen diese Bravheit, gegen die "saubere" amerikanische Durchschnittlichkeit vergangen zu haben.

Knapp sechs Jahre später steht Eisler wieder vor einem Tribunal.Es heißt "Mittwochgesellschaft" und tagt am 13.und 27.Mai 1953 unter Schirm und Schutz der Deutschen Akademie der Künste in Berlin."Ich bin ein Komponist", hätte Eisler auch hier sagen können.Denn jetzt ist er als Dichter angeklagt.1951 war im Aufbau-Verlag Eislers Opernlibretto "Doktor Faustus" erschienen, ein genialer Entwurf, der Faust in die Wirren des Bauernkrieges geraten und am Verrat gegenüber den aufständischen Bauern scheitern läßt.Das erregte die SED-Kulturpolitiker aufs Äußerste.Sie warfen dem Komponisten die Widerlegung der deutschen Klassik vor, diagnostizierten Symptome einer geistigen Erkrankung bei Eisler und verstiegen sich bis zu rassistischen Ausfällen.In Washington war der Komponist immerhin als "Karl Marx des Kommunismus auf musikalischem Gebiet" bezeichnet worden.In Berlin waren es Fachleute, die Eisler politisch und sittlich vernichten wollten."Das ganze Erzeugnis", so Wilhelm Girnus, ist "ein Resultat, ein Produkt des reaktionären Alpdrucks der Vergangenheit, ...eine Widerspiegelung des Druckes der Reaktion, und daß eines meines Erachtens fehlt: die Liebe zum deutschen Volk."

Es gab Künstler, die sich diesen Ungeheuerlichkeiten widersetzten.Brecht mit zehn klugen "Hauptpunkten" zur Faustus-Diskussion, die den denunziatorischen Schwulst der Eisler-Ankläger glanzvoll wiederlegten.Und Walter Felsenstein mit der geradezu tollkühnen Bemerkung, er habe sich die Uraufführung des Werkes gesichert.

Es kam anders.Eisler hatten die beiden Mittwochgesellschaften und die gegen ihn geführte Pressekampagne so verstört, daß er sich als östereichischer Staatsbürger nach Wien flüchtete.Von dort teilte er in einem Brief an das Zentralkomitee der SED mit, daß ihm jeder Impuls, Musik zu schreiben, abhanden gekommen sei.Die Musik zu "Doktor Faustus" wurde nicht komponiert, die Chance für eine Nationaloper, die Eislers Werk hätte werden können, war vertan.

Was dem amerikanischen Ausschuß nicht gelungen war, die Stalinisten in der Akademie der Künste und im Neuen Deutschland erreichten es: Eislers schöpferische Kraft war für lange Zeit gelähmt.Beide Befragungen, Tribunale, Diskussionen holt jetzt ein Abend auf der Probebühne des Berliner Ensembles ins Gedächtnis: "Faustus 53", gewidmet dem 100.Geburtstag des Komponisten am 7.Juli.Regisseur Hans-Werner Kroesinger hat einen strengen rechteckigen Raum gebaut, an den Längsseiten sitzen die Zuschauer, auf der Stirnseite tagt der Washingtoner Ausschuß, in der Mitte, an einem langen Tisch, die Mittwochgesellschaft.Strenge bestimmt auch das "Spiel", ganz zurückgenommen auf die präzise Übermittlung der Dokumente.Es gibt, bis auf Zitate aus Eislerschen Kompositionen, keinen Kommentar, Emotionen bleiben beherrscht.Allein die Texte kommen zur Wirkung, schneidend klar, in einer fast unmerklichen Interpretation.Grundlage dafür ist eine deutliche, Distanz schaffende "Verfremdung" - die Schauspielerinnen Petra-Maria Cammin, Christine Gloger, Ruth Glöss, Annemone Haase und Susanne Sachße übernehmen alle "Rollen".Es ist ein Abend, der in seiner Schlichtheit Eisler sehr nahe kommt.

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