Kultur : Der Konkurrent

Vor 50 Jahren starb Hermann Abendroth

Peter Gülke

Gäbe es nicht eine lobenswerte CD-Initiative, müsste man seinen Namen fast schon buchstabieren. Hermann Abendroth, 1883 geboren, bis 1934 Chef des Kölner Gürzenich, dann bis 1945 beim Gewandhausorchester, nach 1945 in Weimar und bei den Rundfunk-Sinfonie-Orchestern in Leipzig und Berlin, ist mehrmals abgeschrieben und verbannt worden: als Judenfreund von den Nazis in Köln, als Nazi von den neuen Machthabern in Leipzig, als „Staatskünstler der DDR“ von westdeutschen Orchestern. Und erst jüngst wurde er wieder zum Nazi erklärt. Soviel Schatten passt schlecht zu einem Musiker, der weniger zum Märtyerer als zum Repräsentanten geboren war.

1922 war zunächst er – nicht Furtwängler – Favorit der Orchester in Berlin und Leipzig. Abendroth hatte 1911 Furtwänglers Tedeum aufgeführt, Furtwängler wiederum half bei den Auseinandersetzungen in Köln und beim Engagement in Leipzig, wo Abendroth nach dem Berliner Skandal die Mathis-Sinfonie dirigierte. Nach Furtwänglers Rückzug übernahm er etliche philharmonische Konzerte. Das Einvernehmen beruhte auch auf dem Wissen um die Unterschiede – und auf der Kameraderie zweier Senkrechtstarter. Für Zeitgenössisches setzten beide sich bis in die Nazi-Jahre hinein ein.

Als Dirigierlehrer, später als Direktor wirkte er an der Musikhochschule Köln. Nahezu zwanzig Jahre lang gab er dem Musikleben der Stadt prägende Impulse. Sein Rang bewies sich auch darin, dass er innerhalb stabiler Reglements überaus spontan musizierte. Dies und eine gewinnende Menschlichkeit machte ihn zu einem ausnehmend beliebten Dirigenten.

Nach Anfeindungen in Köln – er habe auffällig in jüdischen Kreisen verkehrt und jüdische Solisten bevorzugt – entging er einem Nazi-Schlägertrupp nur knapp. Fast zeitgleich mit Adenauer verlor er alle Ämter. Dass er das Gewandhaus übernehmen konnte, ist neben der mangelnden Koordination der Nazi-Oberen, dem Interesse des Oberbürgermeisters Goerdeler und der Intervention Furtwänglers vor allem dem Orchestervotum zu danken.

Seit 1936 zog er sich in die Defensive zurück, trat 1937 widerwillig in die Partei ein, um seine „nichtarische“ Frau und das Orchester zu schützen. Auch machte er verbale Zugeständnisse. Ohne genaue Kenntnis sollten wir allerdings vorsichtig urteilen. Als er im Herbst 1945 nach Weimar ging, protestierte das Leipziger Kulturamt dagegen, dass „ein exponierter Nationalsozialist Staatsrat geworden“ sei – da wurden alte Rechnungen beglichen. Exponiert war Abendroth wohl, Nazi nie.

Nach 1950 hat er kein westdeutsches Spitzenorchester mehr dirigiert, wurde bei Besuchen philharmonischer Konzerte in Berlin geschnitten. Von dem, der sich einst auf Augenhöhe mit Furtwängler befand, blieb im Bewusstsein der westlichen Öffentlichkeit wenig übrig. Mit den Eifersüchteleien des Musikbetriebs wollte er nichts mehr zu tun haben. Eine innere Freiheit des bis ins Alter ungestüm Musizierenden rührt daher, welche mit Fontane zu sagen erlaubt: „Wie er am Ende war, so war er eigentlich.“

Der Autor ist Dirigent und Musikwissenschaftler.

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