Kultur : Der konservative Revolutionär

Diplomat im Dienst der Kunst: zum 50. Todestag des Berliner Museumsdirektors Ludwig Justi

Kurt Winkler

Am Ende, nach fast einem halben Jahrhundert Arbeit für die Berliner Museen, konnte er noch einen Ausstellungstriumph feiern: Am 27. November 1955 führte der 79-jährige Ludwig Justi, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin (Ost), den Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl, durch die Ausstellung der aus der Sowjetunion zurückgekehrten Meisterwerke der Dresdner Gemäldegalerie. Die Ausstellung war ein kulturpolitisches Signal der jungen DDR: Sie demonstrierte mit großem propagandistischem Aufwand die Übergabe der Verfügungsgewalt über bedeutende Kunstschätze in die Hände der ostdeutschen Regierung. Entsprechend wurde die Ausstellung als Dank an die Sowjetunion in Szene gesetzt, ein Dank für die Bergung der kriegsbedingt verlagerten Museumsschätze in russischen Museen.

Dass mit der spektakulären Präsentation in der Nationalgalerie das bis heute unerledigte Kapitel der Beutekunst keineswegs abgeschlossen war, war Ludwig Justi, der seit August 1946 wieder an der Spitze der Staatlichen Museen stand, bewusst. Mit lange erprobtem diplomatischem Geschick hatte er es verstanden, den ersten, öffentlichkeitswirksamen Schritt zur Kunstrückführung zu gehen – ein Erfolg, der mit Wehmut gepaart war. Denn am 27. Februar 1955 hatte der Bundestag in Bonn beschlossen, alle auf dem Gebiet der Bundesrepublik lagernden Kunstwerke aus dem Eigentum der Berliner Staatlichen Museen in Berlin-Dahlem zusammenzuführen. Justi muss den Verlust der Einheit der Berliner Museen schmerzlich empfunden haben. Besiegelt wurde die Trennung durch die Gründung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz am 25. Juli 1957, drei Monate bevor Justi am 19. Oktober in Potsdam verstarb.

Ludwig Justi hat die Berliner Museumsgeschichte über ein halbes Jahrhundert hinweg ebenso nachhaltig geprägt, wie seine prominenteren Amtsvorgänger Hugo von Tschudi und Wilhelm von Bode. Zwei Kriege und zwei Diktaturen haben dazu geführt, dass von den durch ihn geprägten Museen wenig erhalten ist. Seine Rolle kann schwerlich in ein Schlagwort gefasst werden, so wie die Bodes, des „Condottiere“ der Berliner Museen, oder Tschudis, des „Märtyrers der Moderne“. Für Otto Grotewohl stellte der kaiserliche Geheimrat Justi, Repräsentant bürgerlicher Bildungsideale und Opfer der NS-Kunstdiktatur eine Galionsfigur für die kulturpolitische Selbstdarstellung der DDR dar. Aber nicht nur für das Schicksal der Berliner Sammlungen nach dem Krieg hat Justi eine entscheidende Rolle gespielt, sondern mindestens so sehr für die Etablierung der Moderne in den Museen – bis der braune Spuk des Nationalsozialismus dem ein Ende setzte.

Ludwig Justi wurde 1876 in Marburg in eine Familie geboren, die seit dem 18. Jahrhundert Universitätsprofessoren und evangelische Geistliche hervorgebracht hatte. Justi war Zeit seines Lebens stolz auf die Bildungstraditionen des lutherischen Pfarrhauses. Nach Studium in Bonn und Berlin wurde er im Jahr 1900 Volontär an der Gemäldegalerie unter Wilhelm Bode. Hier, im inneren Zirkel der gipfelstürmenden Museumspolitik des Deutschen Kaiserreichs erhielt er entscheidende Prägungen, die er Jahrzehnte später in seiner Autobiographie schildert. Aus jener Zeit resultiert auch das ambivalente Arbeitsverhältnis zwischen Justi und Bode, das von fachlichem Respekt, aber persönlicher Distanziertheit und beruflicher Konkurrenz geprägt war.

1903 folgt Justi einem Ruf an die Universität Halle, mit 27 Jahren jüngster Professor in Deutschland. 1904 übernimmt er die Direktion des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt am Main. Wegen fundamentaler Meinungsverschiedenheiten mit der Museumsadministration – er scheitert mit dem Versuch, das altehrwürdige Städel für die impressionistische und sezessionistische Kunst der Gegenwart zu öffnen – kehrt er nach Berlin zurück. 1909 schließlich fällt, gegen den Widerstand Bodes, die Entscheidung: Justi wird als Nachfolger Hugo von Tschudis zum Direktor der Nationalgalerie berufen.

Justis zunächst bis 1933 reichendes Direktorat war eine Erfolgsgeschichte: Es gelang ihm, zwischen den Repräsentationsansprüchen des Kaisers, der in „seiner“ Nationalgalerie einen Ort der nationalen Erhebung und der Hohenzollernpropaganda sah, und den Ansprüchen eines liberalen Bürgertums, das sich der Moderne öffnete, zu vermitteln. Justi konnte die Nationalgalerie als Kunstmuseum positionieren, das den Weg der deutschen Malerei von den Romantikern über Böcklin und Menzel bis hin zu Liebermann und Slevogt nachzeichnete.

In die Museumsgeschichte eingegangen ist Justi durch die Schaffung des legendären „Kronprinzenpalais“, also die Gründung der Neuen Abteilung der Nationalgalerie. Nach der Abdankung des Kaisers war es Justi gelungen, das Palais der preußischen Kronprinzen Unter den Linden als Haus für die Kunst der eigenen Zeit einzurichten. Frei von den Hemmnissen Wilhelms II. konnte Justi sein Ideal eines Gegenwartsmuseums verwirklichen. Die Eröffnung am 4. August 1919 gilt als Geburtsstunde eines heute weltweit dominierenden Galerietypus: des Museums zeitgenössischer Kunst.

Spektakulär und umstritten war vor allem die Gegenwartssammlung im Obergeschoß, wo Justi mit einem Paukenschlag die wichtigsten Vertreter des Expressionismus präsentierte: Neben Franz Marc, dessen „Turm der Blauen Pferde“ zum Inbegriff für das Schicksal der deutschen Moderne geworden ist, hingen hier Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Max Pechstein, Oskar Kokoschka, Lyonel Feininger, Max Beckmann und Paul Klee. Die Integration der Avantgarde ins Museum rief Gegner auf den Plan, auf der einen Seite den Akademiepräsidenten Max Liebermann und den Publizisten Karl Scheffler, die hinter Justis Wendung zum Expressionismus eine Geringschätzung der Sezession und eine Anpassung an kurzlebige Moden vermuteten, auf der anderen Seite, fatal in der Auswirkung, die völkische Propaganda vom Schlage eines Paul SchultzeNaumburg, für die das Kronprinzenpalais in den Mittelpunkt der Angriffe gegen „Entartete Kunst“ rückte.

Justi, geübt im taktischen Umgang mit der kaiserlichen und republikanischen Kultusbürokratie und stets auch zur rhetorischen Anpassung an den Zeitgeist bereit, glaubte zunächst, einer modernistischen Fraktion innerhalb des heraufdrängenden Nationalsozialismus den Expressionismus als Form einer spezifisch deutschen, „nordischen“ Kunstauffassung andienen zu können. Umsonst: Justis Entlassung aus dem Direktorenamt Mitte 1933, die Schließung des Kronprinzenpalais und Beschlagnahmung der Expressionistensammlung für die Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 markieren nicht nur Justis persönliche Niederlage, sondern auch den Tiefpunkt in der Geschichte der Berliner Museen.

Der Autor ist Abteilungsdirektor bei der Stiftung Stadtmuseum Berlin und Herausgeber der Memoiren von Ludwig Justi

0 Kommentare

Neuester Kommentar