Kultur : Der Konservative

Strenge Feier: Warum Berlin und das RSO den Dirigenten Marek Janowski brauchen

Frederik Hanssen

Natürlich serviert Marek Janowski Beethovens 9. Sinfonie pur. Jeder andere würde den 70-Minüter mit einer Vorspeise kombinieren, je nach Gusto mit etwas Zeitgenössischem vielleicht, oder mit weiteren Werken vom selben Meister – allein schon aus Rücksicht auf das Publikum, das ja seine Pause haben möchte, gerade beim Silvesterkonzert. Der Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters jedoch lehnt aus Prinzip alles Eventhafte ab und geht im ausverkauften Konzerthaus am Gendarmenmarkt mit seinen Musikern darum sofort zur Sache. Glücklich, wer seinen Sekt schon vorher getrunken hat, denn Janowski dirigiert eine umwerfende Neunte, wuchtig, kantig, unerbittlich. Einen Beethoven auf dem ganz hohen Sockel, mit wilder Lockenmähne und den grimmigen Gesichtszügen, ein Marmortitan, kalt und majestätisch.

Beethoven nicht als Humanist und Menschenfreund gedeutet, sondern als unantastbares Genie, das kann man in Berlin sonst nur noch von Daniel Barenboim hören. Wobei Barenboims Beethoven natürlich viel emotionaler ist. Janowski geht gnadenlos analytisch vor, packt die ersten beiden Sätze mit harter Hand, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier alles mit unentrinnbarer Konsequenz abläuft: Ein Allegro, sturmumtost wie eine zerklüftete Nordseesteilküste, ein maschinenhaftes Perpetuum mobile das Presto. Drängend pocht der Puls, zum Atemholen bleibt auch in den lyrischen Passagen keine Zeit. So geht der Atem auch im Adagio noch sehr schnell, kommt bei aller Noblesse des Klangs keine Intimität auf. Sei’s drum, alle warten ja sowieso schon auf das Finale, auf die Melodie aller klassischen Melodien, die Janowski dann auch bereits in der Fuge höchst plastisch herauspräpariert: Der Götterfunken zündet, das Monument der Tonkunst erstrahlt in gleißendem Licht.

Messerscharf ist der Klang des ehemaligen Ostberliner Rundfunkorchesters in den vier Jahren unter Janowskis Leitung geworden. Wie ein Chirurg sein Skalpell, so führt Janowski das RSB: als Präzisionsinstrument. Sollte er tatsächlich sein Amt zum Saisonende niederlegen, obwohl er einen Vertrag bis 2011 hat, der Berliner Klassikszene ginge eine wichtige Stimme verloren. Natürlich sind Marek Janowskis Ansichten von vorgestern: Aber er ist in seiner bildungsbürgerlichen Überzeugung absolut authentisch, in seinem Beharren darauf, dass die Musik, und nur die Musik, das Wesentliche des Konzertbetriebs sei. Berlin kann sich einen knorrigen Konservativen wie Janowski leisten, gerade weil die anderen Spitzenorchester mit Medien-Virtuosen gesegnet sind.

Mit Marek Janowski bewegt sich das RSB auf Augenhöhe mit seinen Partnern in der Rundfunkorchester und -chöre GmbH. Aus dem Notzusammenschluss der Nachwendezeit ist ein musikalisches Quartett geworden, das ganz oben mitspielt. Der Rundfunkchor Berlin, der diesen Beethoven-Abend mit berückendem Schönklang krönt, kommt schon wegen seiner Größe dem RIAS-Kammerchor nicht in die Quere, die beiden großen Orchester haben jeweils ihr Profil gefunden: Das DSO gilt dank Kent Nagano und den extremistischen Programmen des Dramaturgen Dieter Rexroth als ein Ensemble des 21. Jahrhunderts, das sich auch die Lässigkeit erlauben kann, Silvester mit einem Showprogramm im Zirkus Roncalli zu feiern. Das Rundfunk-Sinfonieorchester dagegen gibt den Lordsiegelbewahrer der Tradition, verteidigt den Konzertsaal gegen das Dröhnen der Welt als Ort der geistigen Versenkung, der Kontemplation.

Menschen, die das zu schätzen wissen, gibt es mehr als genug.

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