Kultur : Der Krawall bin ich

Zum Tod des Autors, Sammlers und Exzentrikers Lothar-Günther Buchheim

Bernhard Schulz

Als er im Jahr 2001 endlich sein eigenes Museum bekam, wunderschön gelegen in Bernried am Ufer des Starnberger Sees und finanziert aus dem „Zukunftsprogramm“ der bayerischen Staatsregierung, freute sich der ganze Freistaat. Nur einer grantelte: der geehrte Sammler selbst. Lothar-Günther Buchheim brummte: „Sich freuen wie ein Kind vorm Christbaum, das ist es nicht. Dazu war es zu harte Arbeit. Die ungezählten Verhandlungen mit wer weiß wie vielen Ministerpräsidenten.“

Typisch Buchheim: Der Hader war ihm Lebenselixier. Stets fühlte er sich verkannt, nicht genug gewürdigt, von missgünstigen Museumsdirektoren zum bloßen Zulieferer degradiert. Zumal an seinen eigenen Arbeiten – denn gemalt hat er auch – schieden sich die Geister. Er hat diesen Hader ausgekostet, das darf man wohl sagen. Wie viel an seinen Wutausbrüchen inszeniert war, ließ sich nie entscheiden. Dabei hatte er die Genugtuung auf seiner Seite, früher als alle Fachleute erkannt zu haben, welche kunsthistorische Bedeutung dem deutschen Expressionismus zukam, den er früh und mit lächerlich geringen Mitteln gesammelt hatte.

In Stuttgart, wo etliche Bilder auf den Markt kamen, kaufte er nach eigenem Bekunden „oft nur aus Wut, weil keiner von den Museumsherren die Hand hob“. Das ist, wie immer bei Buchheim, zwar nicht ganz richtig, weil es gezielte Erwerbungen etwa durch den Kölner und später Berliner Museumsgeneraldirektor Leopold Reidemeister sehr wohl gab, aber auch nicht falsch. Jedenfalls konnte sich Buchheim eine erlesene Sammlung aufbauen, deren Wert heute nur nach Hunderten von Millionen zu beziffern wäre. Gesammelt hat er darüber hinaus so ziemlich alles, was ihm gefiel, von asiatischen Skulpturen bis zu gläsernen Briefbeschwerern, und die Folklore seiner bayerischen Wahlheimat ohnehin.

Dem Expressionismus verdankte Buchheim seinen ersten überregionalen Streit. Als er – damals Verleger eines eigenen Kunstbuchverlags – 1958 ein Buch über die Künstlergruppe „Blauer Reiter“ veröffentlichte, kam es zum Urheberrechtsstreit mit der nicht minder willensstarken Witwe des Bauhaus-Malers, Nina Kandinsky in Paris. Mit Wandkalendern verdiente er das Geld, das er in seine Sammlung steckte. Als Dauerleihgabe wurde sie von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gehütet, bis Buchheim sie nach einem Grundsatzstreit mit dem damaligen Generaldirektor abzog. Als er sie ab 1981 auf Tournee schickte, unter anderem in die Akademie der Künste (West-)Berlin, kam dies einer Sensation gleich.

Mehrere Städte buhlten darum, die Sammlung auf Dauer zu erlangen. Nach der deutschen Einheit war sogar Chemnitz als Keimzelle der „Brücke“ im Gespräch, aber mit dem impulsiven Buchheim kam keine Einigung zustande. Die rettende Lösung war schließlich das eigene Museum, nicht in Feldafing, wo Buchheim seit Jahrzehnten wohnte und über das er das Buch „Die Tropen von Feldafing“ geschrieben hatte – dort spielten die wohlhabenden Bürger nicht mit, die um ihre Ruhe fürchteten –, sondern im nahen Bernried.

Der Kunst galt Buchheims lebenslange Arbeit als Verleger und Sammler, zu Weltruhm kam er aber als Schriftsteller. Der 1918 in Weimar geborene Buchheim erlebte den Krieg als Marineleutnant und Kriegsberichterstatter. Seine Erinnerungen veröffentlichte er 1973: „Das Boot“ wurde mit einer Gesamtauflage von über drei Millionen Exemplaren zum Welterfolg und Grundlage des gleichnamigen Films von Wolfgang Petersen, von dem sich der Autor – typisch Buchheim – sogleich distanzierte. Doch das Thema ließ ihn nicht mehr los. Er schrieb die Dokumentation „Zu Tode gesiegt“ und dann noch „Die Festung“, einen apokalyptischen Roman über das Ende der U-Boot-Fahrer im eingekesselten Brest. Das Buch erschien zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995 und befeuerte erneut die Debatte, ob 1945 ein Datum der Niederlage oder der Befreiung gewesen sei.

Buchheim gehörte der Generation derer an, die jung und unverdrossen in den Krieg gezogen waren, wie Henri Nannen, oder Propagandakommentare zu verfassen, wie Werner Höfer. Und die Vergangenheit ließ ihn nicht los – zuletzt, als Chemnitz 2001 eine geplante Ausstellung seiner im Krieg entstandenen, als problematisch erachteten Zeichnungen absagte und er – typisch Buchheim – daraufhin wütend die neun Jahre zuvor (und in Hoffnung auf seine Sammlung) verliehene Ehrenbürgerwürde zurückgab.

Als einen „melancholischen Choleriker“ hat ihn ein Weggefährte seiner späten Jahre anlässlich des 80. Geburtstags bezeichnet, als die Feierlichkeiten sehr getragen ausfielen und von einer Festrede des bayerischen Ministerpräsidenten gekrönt wurden. Das konnte Buchheim nicht wirklich milde stimmen, gab es doch zu dieser Zeit Rangeleien um sein „Museum der Phantasie“. Wäre er neben seinen Berufen als Autor, Verleger, Sammler, Fotograf und Maler auch noch Architekt gewesen – er hätte es sicher selbst entwerfen wollen.

Denn was immer Buchheim tat, er tat es mit Leib und Seele. Er hing an seiner Sammlung, mochte sie darum auch erst zuletzt aus der Hand geben. Am Donnerstag ist er, wie die Bayerische Staatskanzlei gestern bekannt gab, im Alter von 89 Jahren gestorben. Die Beerdigung findet, wie es sich für den Grantler von Format geziemt, im engsten Familienkreise statt.

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