Kultur : Der Kreisel des Lebens

In der Berliner Galerie Thomas Schulte lässt Miguel Angel Rios die Kegel tanzen

Ulrich Clewing

Zu Anfang ist es für einen Moment vollkommen still. Dann erhebt sich ein Dröhnen, Sirren, Schlagen, dass man gar nicht weiß, wie einem geschieht. Immer mehr schwarze Figuren werden aufs Spielfeld geworfen, wo sie in rasender Geschwindigkeit auf ihrem spitzen Dorn um die eigene Achse kreiseln, Pirouetten vollführen, in Schräglage geraten, andere Figuren anstoßen und aus der Bahn werfen.

In Miguel Angel Rios’ sensationeller Videoinstallation „A Morir – ’til Death“ spielt sich das Geschehen auf drei Leinwänden gleichzeitig ab und zieht den Betrachter unwiderstehlich in einen Strudel der Bilder und Geräusche, aus dem er ein paar unendlich lange Minuten später erwacht wie aus einem schweren Rausch. Dann beginnt der Reigen gedächtnislos von neuem, wieder und immer wieder und völlig unbeeindruckt vom gerade eben erst erreichten großen Ende – so wie das Leben selbst, das Rios hier auf verstörend treffsichere Weise allegorisch umschreibt.

Dabei geht die Kamera ganz nahe heran, die Kreisel drehen ihre furiosen Runden auf Augenhöhe. Und das Getöse, das sie begleitet, ist so laut, dass Distanz zu wahren praktisch unmöglich ist. Ob er will oder nicht, wird der Besucher zum Zeugen eines Dramas, das sich direkt vor ihm ereignet, ohne dass er eingreifen und die Handlung zum Guten wenden könnte. Manchmal hat es sogar fast etwas Komisches, wie die Spielfiguren langsam ins Schleudern kommen, eine Weile ungelenk vor sich hin trudeln, taumeln und dann plump zu Boden stürzen. Doch meist überwiegt diese unerbittliche Dynamik, die schonungsloser Brutalität zum Verwechseln ähnlich sieht. Sich durchsetzen um der Selbsterhaltung willen, andere verdrängen ohne Rücksicht auf die Folgen, das ist die Melodie, zu der die Kreisel hier in den Ring steigen, um die Menschen an ihre Existenz zu erinnern.

Das Spiel, das Rios für „A Morir – ’til Death“ in eine düstere, bleigraue Szenerie versetzt hat, gibt es tatsächlich. In der Stadt Tepoztlan, einer Hochburg des mexikanischen Karnevals, erfreut es sich seit Jahrhunderten großer Beliebtheit. Bis zu 30 Spieler werfen ihre Kreisel auf Kommando in eine Metallschüssel oder, wie bei Rios, auf ein ebenes, in neun Quadrate und eine breite Randzone unterteiltes Feld. Derjenige, dessen Figur bis zuletzt rotiert, hat gewonnen.

Rios, 1953 in Catamarca in Argentinien geboren und seit seiner Flucht vor der Junta 1977 abwechselnd in Mexiko City und New York ansässig, entlässt den Betrachter ohne das Triumphgefühl des Siegers. Zum Schluss des Films fährt die Kamera auf einer der drei Leinwände zurück, während sie auf den beiden anderen in der Nahsicht verharrt. Aus der Vogelperspektive steigert sich das Finale vollends zur Tragödie: Inmitten der Kreisel, die am Boden liegen, dreht sich noch ein Paar, dann nur noch einer. Die Filmbilder verlangsamen sich bis auch der letzte Kreisel fällt – in Zeitlupe, endlich und unwiderruflich.

Thomas Schulte zeigt diese Installation, obwohl die Auflage von acht Exemplaren zu einem Stückpreis von 30000 Dollar bereits komplett verkauft ist. Nur noch ein Artists Proof ist übrig, wobei Miguel Angel Rios offenbar schwankt, ob er sich überhaupt von dem trennen möchte. Falls ja, so ist von der Galerie zu erfahren, dann soll er an ein Museum gehen. Dem Hamburger Bahnhof würde dieses Schwergewicht jedenfalls gut zu Gesicht stehen.

Galerie Thomas Schulte, Mommsenstraße 56, bis 3. September, Montag bis Freitag 11–18 Uhr, Sonnabend 11–15 Uhr.

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