Kultur : Der Kreml soll auf die rote Liste

Weltkulturerbe wird durch Neubauten bedroht.

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Der Kreml ist den Russen heilig. In den goldenen Kuppeln von Kirchen und Palästen, hinter den roten Backsteinmauern und auf dem angrenzenden Roten Platz schlägt angeblich das Herz des Landes. 1990 wurden Kreml und Roter Platz von der Unesco zum Weltkulturerbe geadelt. Nun droht ihm der Ausschluss. Denn auf dem Kreml-Gelände wird gebaut. Ohne Abstimmung mit der Weltkulturorganisation. An deren Bedenken scheiterte schon der Bau eines Hubschrauberlandeplatzes, den Putin kurz nach der Machtübernahme in Auftrag gegeben hatte. Vibration und Abgase, so die Denkmalschützer, würden den bis zu 800 Jahre alten Gebäuden irreversiblen Schaden zufügen.

Die jetzigen Bauvorhaben sind von ähnlicher Dimension. So werden direkt am Kutafiya-Tor zwei neue Pavillons gebaut, die den Blick auf den wuchtigen weißen, mit roten Zinnen gekrönten Turm verstellen. Damit sollen die Schlangen von Besuchern verkürzt werden, die sich durchsuchen lassen müssen. Staus und Frust gibt es vor allem bei Veranstaltungen im Kongresspalast des Kremls, der über 5000 Zuschauer fasst. Auch der Bau eines neuen Wirtschafts- und Versorgungstrakts stößt bei den Denkmalschützern auf Kritik. Ebenso die Rekonstruktion des sogenannten Korpus Nr. 14, wo Pressedienst und Protokoll des Präsidenten residieren. Das gelb-weiß getünchte Gebäude im neoklassizistischen Stil hatte Stalin Anfang der Dreißiger für den Obersten Sowjet, das Parlament, bauen und dafür zuvor zwei der ältesten Klöster Moskaus abreißen lassen.

Wegen der Umbauten, so Irina Saika vom Erbe-Rat beim Verband der Architekten Russlands in einem Interview für die regierungsnahe Tageszeitung „Iswestija“, habe die Unesco „tiefe Beunruhigung“ geäußert. Nur aus Rücksicht auf die Gastgeber habe das Thema bei der Tagung der Unesco-Kommission für das Weltkulturerbe in St. Petersburg keine Rolle gespielt. Dafür stehe es 2013 ganz oben auf der Agenda. Russland würden Sanktionen drohen, darunter die Streichung von Kreml und Rotem Platz aus der Weltkulturerbe-Liste.

Die Sorge ist begründet. Schon 2007 hatte die Welterbe-Kommission von Russland einen Bericht zur Umsetzung denkmalpflegerischer Unesco-Empfehlungen verlangt. Moskau lieferte erst 2011 und beantwortete die Fragen nur teilweise. Bis spätestens 1. Februar 2013 muss nachgebessert werden.

Keiner der Neubauten auf dem Kreml-Gelände, tadelte inzwischen auch Natalja Samower, die Koordinatorin von Archnadsor, einer Initiativgruppe Moskauer Bürger, die seit Jahren heftig den Umgang von Staat und Stadtoberen mit dem historisch gewachsenen Stadtzentrum kritisiert, sei mit der Unesco abgestimmt. Russland verstoße damit nicht nur gegen die Weltkulturerbe-Konvention, sondern auch gegen die eigene Gesetzgebung. Die Bauten würden das äußere Erscheinungsbild des Kremls nicht beeinflussen, hielt ein Sprecher des Präsidentenamtes dagegen. Die Unesco möge sich bitte an das Kulturministerium wenden, das den Umbau abgesegnet habe. Dort gibt man sich gelassen: Die Weltkulturorganisation sei chronisch beunruhigt über den Zustand von Denkmälern in Russland. Elke Windisch

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