Kultur : Der Kreuzphall

Polens Kunstszene protestiert gegen die Verurteilung einer Künstlerin wegen „Verletzung religiöser Gefühle“

Thomas Roser

Die Verurteilung einer Danziger Künstlerin wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ hat in Polens Kunstszene hohe Wellen geschlagen. In einem in der „Gazeta Wyborcza“ veröffentlichten Protestbrief rufen Kunstkritiker und Museumsdirektoren zur Respektierung der in der Verfassung garantierten Freiheit der Kunst auf: „Jede Kultur benötigt ihre Freiräume. Aber ausgerechnet in einem Land, das vor kurzem noch als das Symbol der Freiheit galt, wird dieses Grundrecht nicht respektiert.“ Dorota Monkiewicz, Kuratorin des polnischen Nationalmuseums und Leiterin der Stiftung für Moderne Kunst, zieht nach der Verurteilung sogar Parallelen zu der Bücherverbrennung der Nazis und der Verbannung „entarteter“ Kunst aus den Museen: „Das Urteil erinnert an die Geschehnisse von 1933.“

Die „absurde“ Selbstkreuzigung des Männlichkeitswahns hatte die 30-jährige Danziger Künstlerin Dorota Nieznalska ins Zentrum ihrer in der Danziger Wyspa-Galerie im Januar 2002 gezeigten Ausstellung „Passion“ gerückt. Eine Video-Installation zeigte ächzende Hünen bei der Körperqual im Fitness-Studio, gegenüber den Bildschirmen prangte das Foto eines männlichen Genitals auf einem aufgerichteten Kreuz. Für Polens erzkatholische Eiferer der rechtsklerikalen Protestpartei „Liga der polnischen Familien“ (LPR) sollte vor allem das Foto auf dem Kreuz zum Eckstein des Anstoßes werden. Zwar war die Ausstellung längst beendet, als die verspätet alarmierten Moralritter die Künstlerin wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ verklagten. Doch ein Danziger Gericht gewährte den entrüsteten Museumsabstinenzlern eine verspätete Genugtuung. Um „persönlichen und künstlerischen Erfolg“ zu erzielen, habe sich die Angeklagte für die Verletzung religöser Gefühle „entschieden“, begründete Richter Tomasz Zielinski seinen unerwarteten Schuldspruch – und verdonnerte Nieznalska zu einem halben Jahr sogenannter „Freiheitsbegrenzung“ mit unbezahlter Sozialarbeit. Ihr Pass wurde eingezogen, sie darf das Land nicht verlassen.

Während Nieznalska umgehend Berufung einlegte, reagierte der LPR-Abgeordnete Robert Strak, der sich bislang vor allem als verbissener Streiter gegen die Liberalisierung des restriktiven Abtreibungsgesetzes zu profilieren wusste, freudig auf den Richterspruch: „Wir haben nun ein registriertes Urteil, dass Beleidigung durch Kunst nicht erlaubt ist.“

Zeitgenössische Kunst hat im katholischen Polen schon seit längerem einen schweren Stand. Bereits 2001 war Anna Rottenberg, die Leiterin der staatlichen Zacheta-Galerie in Warschau, von nationalkonservativen Politikern aus dem Amt vertrieben worden. Mit der erstmaligen Verurteilung einer Künstlerin sehen Kunstschaffende nun eine neue Qualität des Kreuzzugs gegen ihren Berufsstand erreicht. Das Urteil werfe Polens Künstler in die „Dämmerzone des Mittelalters“ zurück, warnt der Musiker Zbigniew Holdys in einem offenen Brief vor einer Beschneidung der Meinungsfreiheit: „Wenn wir uns nicht wehren, kann morgen jeder von uns für seine Andersartigkeit bestraft werden.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar