Kultur : Der Krieg hinter dem Krieg

Das Willy-Brandt-Haus zeigt Afghanistans Aufbau

Rolf Brockschmidt

Es scheint, als könnten sie es noch gar nicht fassen. 50 Augen schauen den fremden Fotografen an, der die 25 Mädchen in ihrem bescheidenen Klassenzimmer irgendwo im Süden Afghanistans aufgenommen hat. Manche verhüllen ihr Gesicht, andere blicken erwartungsvoll. Was wird die Zukunft bringen? Als einziges Utensil, das an Schule erinnert, ist eine westliche Büchertasche zu sehen. Aber die Mädchen bekommen Unterricht, und das zählt. Zu Zeiten der Talibanherrschaft gingen 700 000 Kinder zur Schule, nur Jungen, heute sind es sechs Millionen, davon ein Drittel Mädchen, berichtet Heidemarie Wieczorek- Zeul bei der Eröffnung der Ausstellung „Gemeinsam für Afghanistan. Australien, Kanada und die Niederlande – Partner Deutschlands beim Wiederaufbau“ im Willy-Brandt-Haus.

Alle drei Länder sind im unruhigen Süden engagiert. Die Ausstellung zeigt keine Kriegsbilder, sondern solche des Wiederaufbaus. „Wir haben ein falsches Bild von Afghanistan in unseren Medien“, sagt Hans Stakelbeek, der niederländische Fotograf, der die oben beschriebene Schule aufgenommen hat. Er glaubt, dass die Medien, die vorübergehend Journalisten nach Afghanistan entsenden, vor allem am Krieg interessiert sind. „Wir haben schon zu viele Kampfbilder gesehen, dramatische Bilder von aufsteigenden Hubschraubern. Ich habe aber noch keinen Fotografen erlebt, der freiwillig mit einem Wiederaufbauteam losgezogen ist.“ Hans Stakelbeek hat das getan. Viermal war er seit Januar 2007 in Afghanistan, im Auftrag des niederländischen Außenministeriums. „Sie wollten professionelle Fotos von den Projekten, die sie unterstützen. Ich habe völlige Freiheit gehabt.“

Und so fotografierte er Brunnenbohrungen, begleitete die niederländischen Soldaten bei ihren Gesprächen mit den einheimischen Würdenträgern, hielt fest, wie eine Mauer um eine Schule gezogen wurde. Aber er fühlte sich auch von der kargen Schönheit des Landes angezogen. Ein Motorrad knattert einsam durch die Wüste mit ihren monumentalen Bergen. Ein Motorrad mit zwei jungen Männern vor dem zerschossenen alten Königspalast, dem künftigen Sitz des afghanischen Parlaments, ist in den Niederlanden ein berühmtes Foto. Es symbolisiert Fortschritt und Stillstand in einem.

Hans Stakelbeek zeigt ein Foto der staubigen Straße ins Chora-Tal – im Winter eine unpassierbare Schlammpiste. Straßen sind lebenswichtig, für den Schulbesuch, den Handel und den Gang zum Arzt. Die fertige Straße konnte Stakelbeek noch nicht fotografieren. Die Niederländer wurden im Chora-Tal in heftige Gefechte verwickelt. „Zu gefährlich“, meint Stakelbeek achselzuckend.Rolf Brockschmidt

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28, Kreuzberg, Di.–So. 12–18 Uhr, Ausweis erforderlich, bis 21. Mai

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