Kultur : "Der Krieg ist Menstruationsneid"

FRANK DIETSCHREIT

In der schwarzen Holzbox findet der Krieg als Wörterschlacht statt. Während einige seiner Mitstreiter durchs Publikum schleichen, mit Walser und Bubis darüber sinnieren, daß die Deutschen ihre Sprache erst noch finden müssen, und andere radebrechend ("Most, Post, Obst") ein paar Sprachklippen erklimmen, sitzt Jürgen Kuttner grübelnd auf der Bühne. Eigentlich wollte Kuttner, Kultmoderator oder Quasselstrippe, jetzt unter Einsatz aller verfügbaren Sprachverunglimpfungen "50 Jahre Deutsch für Ausländer" propagieren. Doch dann ist der Strom weg, die Elektrifizierung kommt genausowenig wie der Kommunismus, die in militärischen Kampfanzügen angetretenen Schauspieler wuseln ratlos durch die Blackbox, die "Bombenstimmung" ist erst einmal im Eimer.

Die Volksbühnen-Dramaturgen haben wieder ganze Arbeit geleistet: "Nachdem wir den ersten humanistischen Angriffskrieg der Nato im Fernsehen miterlebt haben, werden nun die Erfahrungen verarbeitet und die Perspektiven gesichtet." Das 5. Praterspektakel der Volksbühne stehe deshalb "im Zeichen von Krieg und Frieden", das Gelände, so drohen sie, sei "vermint", überall begegne den zwischen kleiner und großer Freilichtbühne, New Globe und Holzbox hin- und herirrenden Zuschauern ein "Theatre of war". Weil aber ohne Strom selbst bei Kuttner der Mund nicht zum Maschinengewehr werden kann, ziehen wir durch Kriegsschwaden von Bratwurstdüften und schrapnellartig schwirrenden Biergläsern weiter zu Katka Schroth, Caroline Peters und Cordelia Wege. Ihr "Superblock" ist leider schon im finalen Stadium. Wir sehen gerade noch, wie eine der drei Frauen sich mit einer Pizzapackung gegen einen Revolver stemmt und schreit: "Ich will nicht von Killern bedient werden!" Eine andere ruft: "Ich will nicht von Kellnern gekillt werden!" Dann fallen zwei Schüsse, und der Theaterkrieg fordert zwei Leichen.

Was tun? Gern würden wir in Castorfs "Rosenkrieg" weiterkämpfen. Aber das New Globe ist längst bis auf den letzten Platz gefüllt, der Fehdehandschuh brutzelt schon auf der Herdplatte, und John von Gaunt lechzt bereits nach dem Thron von Richard II., um Heinrich IV. zu werden. Schlingensiefs Hörspiel vom "Lager ohne Grenzen" lassen wir ungehört im Prater-Keller vor sich hin tönen, denn zum "Tanztee für den Frieden" wollen wir keinesfalls zu spät kommen. Unter der Regie von Holger Friedrich verschüttet Sophie Rois kaltes Wasser und heißen Tee, singt mit ihrer rauchig-lasziven Stimme ein paar Ulk-Lieder. Michael Klobe fängt die Aura einer Zuschauerin mit der Plastiktüte ein, zwei Badehosen-Tänzer kreieren eine Art trockenes Wasserballett, und alle zusammen schwofen zur Soul-Musik der 70er Jahre. Wer mitten im Krieg den Frieden probt, das haben wir kapiert, leidet unter moralisch-geistigem Durchfall. Irgendwie leidet darunter aber auch der Beitrag des als US-Bedeutungsträger verkleideten Sir Henry. Seine Rede von den Zerstörungserfolgen bei der Nato-Bombardierung von Schulen, Krankenhäusern und Läden in Serbien und im Kosovo hätte Handke sich nicht besser ausdenken können. Von den ethnischen Säuberungen, von Vertreibung und Massenmord kein Wort. Der Krieg findet im Prater nur als gut gelauntes, chaotisches Happening statt. "Lustig ist das Soldatenleben" meinen denn auch die drei Musikanten auf der kleinen Freilichtbühne. Sie dreschen auf ihre Instrumente ein und intonieren ("Wir schützen unsere Heimat") eine Art NVA-Pop. Witz wird mit Dilettantismus verwechselt.

Das ist bei dem definitiven Höhepunkt des Spektakels zum Glück genau andersherum. Tanzberserker Johann Kresnik schickt bei seiner "Schwanensee"-Persiflage einige ungehobelte und behaarte, mit durchsichtigen Kleidchen nur notdürftig verzierte Männerbeine auf die Bühne. Die ungelenken Hupfdohlen kobolzen keß und kichernd herum, bis sie von zwei Kampfmaschinen abgeknallt werden. Auf dem Bühnendach tanzt für einen kurzen Moment noch der Schauspieler Bernhard Schütz weiter, erzählt davon, daß es Pest, Cholera und Krieg nur gibt, weil das Theater noch nicht angefangen hat zu existieren.

Dann ereilen auch den letzten Schwan die Kugeln. Und wir entschließen uns jetzt, ganz schnell den Spielort zu suchen, wo das Theater mit dem Existieren endlich anfängt. Die Nacht ist ja noch lang, der nächste "Rosenkrieg" beginnt gleich, und auf der Treppe zum Bühnenturm behauptet jemand, "der Krieg ist Menstruationsneid". Darüber wollten wir immer schon mal nachdenken.

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