Kultur : Der Krieg kehrt heim

SLOBODAN SNAJDER

In der Sprache des deutschen Journalismus wird dieses dunkle Objekt der Begierde seit mindestens zwei Jahrzehnten die "Unruheprovinz Kosovo" genannt.Als dann Titos sogenannter "Vielvölkerstaat" zerfiel, zielten die Ideen des Westens, unscharf zwar, auf eine Art cordon-sanitaire um die zerstrittenen Völker: Der jugoslawische Kessel würde mit einem Deckel hermetisch abgeschlossen, und die Wilden vom Balkan sollen unter diesem Deckel nur tun, wonach ihnen der Sinn steht.Doch mit der Eskalation des Krieges in Bosnien, einer Situation, in der das Who is who in diesem schmutzigen Spiel immer undurchsichtiger wurde, dämmerte es dem Westen plötzlich, daß der Zerfallsprozeß nicht mehr unter Kontrolle war: daß der Kessel in der ganzen Küche überkochen und die Küche mitsamt den Köchen zum Teufel gehen könnte.

Die "Unruheprovinz Kosovo" hatte zuletzt während des Bosnien-Krieges scheinbar ruhig geschlummert, die gewaltigen Widersprüche schienen gewissermaßen Winterschlaf zu halten.Als hätten die Kosovaner, was man ihnen in Bosnien und Kroatien übelnimmt, nur darauf gewartet, daß die Kettenreaktion des Zerfalls ihren Lauf nimmt.Außerhalb des Kosovo rechnete man wohl damit, es würden am Ende lauter reine (oder so gut wie reine) Nationalstaaten das Resultat des Zerfalls sein - und nicht etwas noch "Unreineres".Nun aber hat die Welt entdeckt, daß diese "Unruheprovinz Kosovo" im "Vielvölkerstaat Serbien" liegt.Die Kosovaner wußten das schon immer; sie haben nicht vergessen, daß es im ehemaligen Staatenverband für ihre Nöte wenig Mitgefühl oder auch nur politisches Interesse gegeben hatte.Trotzdem war es ihnen unter Tito dem formalen Status nach etwas besser gegangen.Titos Anhänger unterdrückten mit eiserner Hand alle möglichen Nationalismen, was dem Nationalismus der Kosovaner, dem schwächsten nämlich, nur recht sein konnte.

Die "Unruheprovinz" Kosovo war zu Titos Zeiten so gut wie nie ein Reiseziel der zu den anderen jugoslawischen Völkern Gehörigen.Man wußte kaum, wo das Kosovo liegt.Die Vorstellungen von der Provinz, also von einer abgelegenen, hinterwäldlerischen Gegend, die irgendwo hinter den sieben Bergen ihr armseliges Dasein fristet, waren sehr unbestimmt.Kosovaner allerdings kreuzten durch das ehemalige Jugoslawien, entweder als "innerjugoslawische Gastarbeiter" oder in die Ghettos spezifischer Handwerke gesperrt, eingeschlossen in ihren strengen partriarchalischen Gemeinschaften.Schließlich blieben sie auch im Gefängnis ihrer Sprache, die - im Unterschied zu den Sprachen der anderen Völker - keine slawische war und deshalb nicht in der Schule unterrichtet wurde.Wir alle haben vorausgesetzt, daß sie uns verstehen müssen, genauso wie ein deutscher Vorarbeiter erwartet, daß ein Gastarbeiter wenigstens die Kommandos auf Deutsch versteht, die mit dem Arbeitsprozeß zu tun haben.Oder, was überhaupt am besten ist, daß er still ist und arbeitet.Anders gesagt, für eine tatsächliche Integration der Kosovaner wurde im ehemaligen Jugoslawien fast nichts getan, obwohl im Rahmen erfolgloser Wirtschaftsmodelle immense Geldsummen in das Kosovo flossen.

Auch die Serben selbst sind nicht gerade ins Kosovo gepilgert, nicht einmal an ihre "heiligen Orte".Für sie ist das Kosovo - mit dem Amselfeld, Schauplatz der türkisch-serbischen Schlacht im 14.Jahrhundert - immer das mythische Land ihrer Vergangenheit geblieben, das nur in der Verklärung an die Gegenwart rührt.

Da Belgrad neben Sarajevo die einzige wirkliche Großstadt außerhalb meiner engeren Heimat Kroatien war, in der meine Texte ohne Übersetzung gespielt und verlegt werden konnten, pendelte ich als Autor bis zum Zerfall der jugoslawischen Gemeinschaft oft zwische kroatischen und serbische Theaterhäusern hin und her.Über diese beruflichen Kontakte bin ich vielen Menschen verschiedenen Profils begegnet, der Elite ebenso wie dem gewöhnlichen Volk.Ich denke da auch an meine Belgrader Bekannten, Autoren, Schauspieler und Intellektuelle.Zehn Jahre, bevor Tudjman mittels einiger diffuser Ideen die Geister in Kroatien kolonialisierte, lag ich in meiner Voraussicht des sich anbahnenden Elends bereits in heftigem Widerstreit mit dem kroatischen Nationalismus, der schon damals die kroatische Kultur zu kontrollieren begann.Das bedeutete natürlich, daß meine Belgrader Freunde fast immer das Bedürfnis verspürten, sich ebenso radikal zum Nationalismus in ihrer eigenen Umgebung zu äußern.So führte ich damals phantastische Gespräche mit Leuten, die mir sehr emanzipiert vorkamen und deren Denk- und Fühlsysteme absolut gar nicht von kroatisch-serbischem Kraftstoff angetrieben wurden.Ja, es schien mir sogar, daß die serbischen Intellektuellen irgendwie weltoffener orientiert und meistens ziemlich gut über Europa informiert waren; daß viele von ihnen für eine emanzipierte linke Position jenseits des Einparteienmonoliths kämpften.Es waren fruchtbare Treffen, besser gesagt: sie wären angenehm und fruchtbar gewesen, wäre da nicht bei alledem ein großes ABER gewesen.

Kam das Gespräch nämlich auf das Kosovo - und die neuesten Kämpfe dort gehen auf Geschehnisse der frühen achtziger Jahre zurück -, dann brach ihr gesamter emanzipierter Horizont wie ein Puzzle zusammen.Die subtilen Schöngeister, die Belgrader Anhänger Heideggers und Derridas, die alles über das Ende der Metaphysik, Ideologie und Geschichte wußten, wurden plötzlich zu Kreuzrittern, bereit, vom Tisch aufzustehen und loszuziehen, um das heilige Grab zu befreien.Lauter Byrons, mit ihrem serbischen Hellas im Herzen! Es kam mir so vor, als würde sich die physische Gestalt des Gesprächspartners verändern und er sich in ein lauerndes, kampfbereites Monster verwandeln.Auf einmal wollte man den Albanern jegliche Menschenrechte absprechen.Albaner wurden zu Unterwesen, die Brunnen vergiften, vergewaltigen, wehrlose Kinder ins Feuer werfen und womöglich dann fressen.Wesen ohne Geschichte, Kultur und Sprache.Und ein Stück von mir wurde in einem dieser Jahre (1984) gerade in Pri"stina auf albanisch gespielt.Ich konnte kein einziges Wort verstehen, aber da mir das Stück gewissermaßen bekannt war, hat mich gerade die Sprache überrascht und bewegt.In solchen Momenten ging mir durch den Kopf, daß von allen jugoslawischen Völkern, die Albaner die wohl begabtesten Schauspieler waren.Und nun wurde von mir erwartet, ich solle diese Menschen am Ende des 20.Jahrhunderts für Kinderfresser und Brunnenvergifter halten.Vom Mittelalter an bis zu den Protokollen der Weisen von Zion und bis zu Milo"sevi¿c erzählt man immer dieselben Greuelmärchen.

Ich habe so schon in den frühen Achtzigern begriffen: daß das nichts Gutes verheißt.Die Serben, so emanzipiert sie auch sein mögen - natürlich mit seltenen Ausnahmen, die wir heute noch besser zu schätzen wissen -, auf das Kosovo fixiert.Ohne ihre Haltung reflektieren zu können oder zu wollen.Solche Fixierungen könnten nur durch kathartische Verfahren in Gestalt einer kollektiven Psychoanalyse kuriert werden, für die eine ganz andere Elite als die, die heute in Serbien an der Macht ist, die Verantwortung übernehmen müßte.Diese Eliten sind ja auch über ebendiese Phantasmen und fixen Ideen an die Macht gekommen, und so können sie logischerweise nicht darauf verzichten.

Wir wissen noch nicht, ob die Kriegsparteien in Rambouillet, wo sich seinerzeit Karl der X.vor einer Revolution in Sicherheit brachte, ein Abkommen unterschreiben werden.Tatsache aber ist, daß das offizielle Serbien ebenso wie das Serbien der sogenannten kleinen Leute die geringste Statusänderung für das Kosovo als Amputation empfinden würde.Deswegen leidet Serbien schon jetzt, während der politische Rahmen noch gar nicht abgesteckt ist, ganz real an Phantomschmerzen.Mit irgendwelchen brüchigen Autonomie-Abkommen kann das Problem der "Unruheprovinz Kosovo" genauso wenig gelöst werden, wie aus Bosnien ohne einen blutigen Krieg keine drei Staaten hervorgehen können.So aber scheint es, daß der äußere Druck auf Milo"sevi¿c diesem hilft, seine bröckelnde Macht im Inneren wieder zu stabilisieren.Zu lösen wäre das Problem nur mit einer vollständigen politischen Wende in den auf dem Boden des ehemaligen Jugoslawien bereits entstandenen Staaten, die diese in Staaten von Bürgern und nicht von Völkern umwandeln würde.

Eine innere Emanzipation Serbiens, die von einem Wechsel der Macht in Kroatien (nach dem absehbaren Ende Tudjmans) unterstützt würde, könnte auch das Kosovo in ein Schicksal ohne Krieg entlassen: nach einem langwierigen inneren demokratischen Reifungsprozeß, der erst auf ein schmerzhaftes Erwachen und eine kollektive Katharsis folgen könnte.Wie es jetzt aussieht, kommt der postjugoslawische Krieg nach Hause zurück, dorthin, wo er auch begonnen hat, und zwar in den frühen Achtzigern.Er kehrt als alter Bekannter heim, mit seinen Traumata und Hysterien.Und so könnte er bis ans Ende zu gehen.Wessen Ende?



Der Autor lebt als Dramatiker und Essayist in Zagreb.Seine Stücke ("Der kroatische Faust", "Schlangenhaut") wurden an zahlreichen Theatern in Deutschland und Österreich gespielt.Übersetzung aus dem Kroatischen von Elke Schwarz-Mahmuti und Asla Mahmuti.

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