Kultur : Der Kriegskorrespondent: Wie ein Politiker auf Dienstreise

Doris Meierhenrich

Der Krieg war aus, als Ryszard Kapuscinski dreizehn Jahre alt war. Die einzige Ordnung, die er kannte - das Herumirren und der Hunger, die Lüge und der Lärm, die Verachtung und der Hass -, hörte plötzlich auf. Statt Bombenkrach bestimmte Stille den Gang der Dinge, und Ryszard musste das Leben neu lernen. Gefallen an dieser Ruhe fand er nie, denn sie war eisig in seiner polnischen Heimat und hieß "Stalinismus".

Die Gelegenheit, als Auslandskorrespondent nach Asien und Afrika zu gehen, kam dem jungen Journalisten 1956 daher gerade recht, denn dort begehrte man auf, die Kolonialzeit zu beenden. Seitdem reist Kapuscinski der Unruhe hinterher und nennt sich selbst Kriegskorrespondent. Nicht in dem heutigen Sinne, in dem Kriegsreporter in Medienpools bewegt und mit vorgefertigten Informationen gefüttert werden, sondern im Gefolge Hemingways und Egon Erwin Kischs: Als einzelner Augenzeuge, der die Menschen fragt, die ihm begegnen; der selbst die Gefahr erlebt und erst später schreibt, nicht dokumentarisch, sondern selektiv. Über die Menschen auf den Straßen und in den Tavernen von Nigeria oder Honduras, während sich ihr Land verändert.

Am Dienstagabend hat Kapuscinski, der vergangenes Jahr von seinen polnischen Kollegen zum "Journalisten des Jahrhunderts" gekürt wurde, auf Einladung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD im Haus der Kulturen der Welt Halt gemacht und sein neues, soeben ausgeliefertes Buch vorgestellt. "Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies", heißt die Neuzusammenstellung von Reportagen und Notizen aus über vier Jahrzehnten Korrespondentenreisen. Sie beginnt, wie es für Kapuscinski konsequent ist, mit den eigenen Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

Autobiographie und Reportage fließen bei Kapuscinski ineinander. Alle Texte stehen in der ersten Person, denn - so schreibt er - wie könne man verleugnen, dass man selbst es sei, der "reist, zuschaut, liest, denkt und über all dies schreibt". Dass die Texte trotzdem niemals egozentrisch sind, macht seine literarische Meisterschaft aus.

"Kubistisch" nennt er die Schreibweise, die mit ebenso viel Einfühlung wie reflektierender Distanz eine Vielzahl von Bildern und Augenzeugenberichten kombiniert. Dass er immer an dem Ort sein muss, wo ein Konflikt ausbricht, und niemals über eine Person oder ein Ereignis schreibt, in dessen Nähe er nicht auch war, gibt ihm wohl die realistische Erdung für seine poetische Sprache. Einen "historischen Schriftsteller, der mit Presseausweis durch die Welt reist", nennt György Konrád ihn. Seine Reportagen und Bücher verraten nicht die Sensationsgier eines Abenteurers, sondern beweisen den analytischen und sensiblen Blick eines Schriftstellers. Die schillernde Ambivalenz, angezogen zu sein vom Krieg und ihn zugleich abzulehnen, gilt, so György Konrád, sicher auch für Kapuscinski.

Die Bilder fehlen

Doch spielte der Krieg nur als Krieg für ihn nie eine Rolle. "Was mich am Krieg interessierte", erklärte Kapuscinski selbst mit leiser, weicher Stimme auf polnisch, "war der Zerfall von Macht, die Dekadenz, die sich darin zeigte." Ansonsten schien die nüchterne Atmosphäre des riesigen Auditoriums im Haus der Kulturen der Welt den Autor, dem die Orte so wichtig sind, zum Abstrakten zu verleiten. Die konkreten Bilder, die Poesie, die aus seinen Texten spricht, blieben an diesem Abend aus. Stattdessen ließ Moderator Denis Scheck Kapuscinski lange über die Zukunft des Journalismus nachdenken, die in der "Essayisierung" bestehe, und seine zukünftigen Reisevorhaben zwischen Afrika und Lateinamerika vorstellen. Der Kriegskorrespondent mit dem weißen Haarkranz und dem verschmitzten Lächeln im Gesicht hörte sich auf einmal an wie ein Politiker auf Dienstreise. Und plötzlich wurde den Zuhörern sonnenklar: Über Berlin wird Kapuscinski sicher nie schreiben.

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