Kultur : Der Krisenmeister

Michael Schindhelm, designierter Generaldirektor der Opernstiftung, stellt sich in Berlin vor

Frederik Hanssen

Michael Schindhelm trägt zum schwarzen Anzug ein leuchtendes türkisblaues Hemd – in der Farbe seiner Augen. Diese Augen des 44-jährigen Eisenachers haben schon manchen Gesprächspartner verwirrt: kalt und durchdringend wirken sie auf den ersten Blick. An diesem Morgen jedoch hat Schindhelm allen Grund, strahlend in die Runde zu schauen: Berlins Kultursenator Thomas Flierl hat die Presse in sein Amtszimmer in der Brunnenstraße in Mitte geladen, um das einstimmige Votum des Opernstiftungsrats für den künftigen Generaldirektor bekannt zu geben.

Zunächst erläutert der Ehrenrat, warum er nach Prüfung von Schindhelms Stasi-Akte zu einem positiven Votum gekommen ist (siehe S.2). Der Senator erklärt daraufhin, er werde jetzt so schnell wie möglich Verhandlungen mit dem promovierten Quantenchemiker und literarisch aktiven Kulturmanager aufnehmen. „Anfang 2005 soll der Vertrag unterschriftsreif sein, damit Herr Schindhelm möglichst bald seine Arbeit aufnehmen kann.“ Einen Haken gibt es: Schindhelm ist noch bis Ende Juni 2006 Intendant des Theaters Basel. Und er gedenkt, seinen Verpflichtungen in der Schweiz bis zum Ende nachzukommen. Den Hauptteil seiner Arbeit habe er dort aber bereits geleistet, sagt Schindhelm: „ Die Spielpläne für die Oper wie für den Tanz sind bis zum Ende meiner Amtszeit entwickelt, im Schauspiel ist die Planung weitgehend fertig. Außerdem steht mit Georges Delnon, dem derzeitigen Mainzer Intendanten, bereits mein Nachfolger fest.“

Mit anderen Worten: Es ist möglich für ihn, eine Zeit lang zwei Jobs parallel zu machen, „auch wenn es schon rein physisch anstrengend wird“. Eine Herausforderung wartet auf Schindhelm allemal: Er muss seinen neuen Job in der Hauptstadt im Grunde erst erfinden. Noch weiß niemand so recht, was er darf und was nicht. Im Gesetz zur Opernstiftung, liest sich das so: „Der Generaldirektor trifft die erforderlichen Anordnungen und Maßnahmen für die ordnungsgemäße Erfüllung der Aufgaben des Vorstandes; er ist zu diesem Zweck gegenüber den Leitern der Betriebe unter Wahrung des künstlerischen Verantwortungsbereichs der Intendanten weisungsbefugt.“ Das klingt nach einer Art Bundespräsident. Allerdings einem, der es mit drei Bundeskanzlern zu tun hat, den Intendanten, von denen jeder seine eigene Politik verfolgt – und laut Gesetz auch offiziell verfolgen darf.

Immerhin haben sich Kirsten Harms (Deutsche Oper), Andreas Homoki (Komische Oper) und Peter Mussbach (Staatsoper) dezidiert für die Ernennung Schindhelms ausgesprochen. Er kann also zumindest anfangs auf Kooperationsbereitschaft hoffen, wenn es darum geht, das angeschlagene Image der Opernstadt Berlin aufzupolieren und die Platzauslastung der Häuser zu erhöhen. Denn um die Außenwirkung geht es für Schindhelm in erster Linie: Er braucht sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wer die Nachfolge von Stardirigent Christian Thielemann antreten soll (das erledigt die Leitung der Deutschen Oper selbst), sondern soll dafür sorgen, dass in der Bismarckstraße dieselben Wettbewerbsbedingungen herrschen wie Unter den Linden.

Wenn es um die schärfere Profilierung der einzelnen Bühnen geht und um die Spielplan-Koordination, ist sein dipolmatisches Geschick gefragt – als knallharter Rechner muss er auftreten, um die Sparauflagen erfüllen zu können, die der Senat bis 2009 von der Opernstiftung verlangt. Machbar ist das nur durch weiteren massiven Personalabbau: Die Zusammenlegung der Werkstätten, die den Löwenanteil der Synergieffekte erbringen soll, wird Schindhelm dabei wohl am längsten beschäftigen. Angst vor der Riesenaufgabe zeigte der designierte Generaldirektor gestern nicht: „Ich habe immer in schweren, krisenhaften Situationen Theater übernommen.“ Frederik Hanssen

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