Kultur : Der Kronprinz

WOLFGANG KRALICEK

Peter Handke war ihr Schicksal: Als Claus Peymann vor zwei Jahren am Burgtheater Handkes Königsdrama "Zurüstungen für die Unsterblichkeit" uraufführte, war Philip Tiedemann sein Assistent.Heute ist der 29 Jahre junge Mann aus Gießen eine wichtige Position in Peymanns Team für Berlin: Am Berliner Ensemble wird Tiedemann nicht nur als fester Regisseur engagiert sein, sondern auch in der Leitung des Theaters mitreden.Vom Assistenten zum Juniorpartner in zwei Jahren: eine bemerkenswerte Karriere.Das Angebot, ans BE zu gehen (und nicht die übliche Tour durch Deutschlands Großbühnen anzutreten), hat Tiedemann vor allem deshalb angenommen, weil er dort kontinuierlich und in Ruhe arbeiten könne.Und obwohl er erst viereinhalb Inszenierungen hinter sich hat, wirkt der ernsthafte junge Mann nicht wie ein Berufsanfänger, sondern wie einer, der schon ziemlich genau weiß, was er will.

Für höhere Aufgaben hat sich Tiedemann voriges Jahr qualifiziert, als er im Akademietheater Handkes "Publikumsbeschimpfung" inszenierte; mit vier Darstellern auf einer leeren Bühne zeigte Tiedemann den Antitheaterklassiker als präzise komponiertes Text-Konzert und entfesseltes Schauspielerhappening.König Claus, der 30 Jahre vorher die Uraufführung inszeniert hatte, sah, daß es gut war - und ernannte Tiedemann zu seinem Kronprinzen.Zum Beweis seiner besonderen Zuneigung ließ er den Junior im vergangenen Herbst sogar mit seinem Lieblingsautor fahren: Tiedemann durfte die Peymann-Dramolette von Thomas Bernhard inszenieren.Der Jungregisseur erweckte die an sich gar nicht zur Aufführung bestimmten Minidramen zu erstaunlich bühnenwirksamem und hysterisch komischem Leben: Der Abend "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen" ist in Wien der Kassenschlager der Saison und wurde soeben zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen.

Für seine bis auf weiteres letzte Wiener Arbeit hat Tiedemann wieder ein frühes Stück von Peter Handke gewählt - und wieder eines, das sein jetziger Chef seinerzeit (1968 im Frankfurter Theater am Turm) uraufgeführt hatte."Kaspar" ist gewissermaßen die logische Fortsetzung der "Publikumsbeschimpfung": War in letzterem Stück die Kommunikation eines Kollektivs auf der Bühne mit dem Kollektiv im Zuschauerraum das Thema, so geht es in "Kaspar" um den Konflikt eines Individuums mit der Gesellschaft.

Kaspar kommt von Kaspar Hauser: Mit dem historischen Findelkind aus dem 19.Jahrhundert hat Handkes Titelfigur die Sprachlosigkeit gemeinsam.Wenn das Stück beginnt, kann Kaspar gerade einen Satz ("Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist") sprechen.In verschiedenen Lektionen wird Kaspar von anonymen "Einsagern" die Sprache und deren "richtiger" Gebrauch eingebläut, bis am Ende aus einem Außenseiter ein - erst recht sprachloses - Mitglied der Gesellschaft geworden ist.

Im Kasino am Schwarzenbergplatz (einer prachtvollen Nebenspielstätte des Burgtheaters, wo Peymann voriges Jahr "Edward II." inszeniert hatte) ließ Tiedemann eine kleine Arenabühne (Barbara Schonhardt) einrichten.Auf drei steilen Tribünen blicken die Zuschauer auf die mit den vorgeschriebenen Requisiten bestellte Spielfläche; die vier Einsager sind, anders als im Text, keine unsichtbaren Lautsprecherstimmen, sondern beziehen im Rücken des Publikums Position.In ihre Mikrofone sprechen sie zunächst jenes Gedicht von Ernst Jandl, das Handke dem Stück vorangestellt hat; der polyphone Vortrag ist genau komponiert, wird von tanzenden Spots (auch die Scheinwerfer werden von den Sprechern bedient) begleitet und geht schließlich in ein Musikstück (David Byrne) über.Erneut beweist Tiedemann hier sein eminentes Gefühl für Sprachmelodie, Timing und Technik; in diesen ersten paar Minuten des reinen Theaterglücks erreicht die Inszenierung eine Intensität, von der sie sich in den folgenden 90 Minuten nicht mehr erholen wird.

Danach nämlich kommt, durch eine Klappe im Gitterrost-Boden, Kaspar auf die Bühne gekrochen - und schon mit dem ersten Satz ("Ich möcht einmal ein solcher werden ...") macht Johannes Krisch deutlich, daß hier kein abstraktes Experiment vorgeführt, sondern "gespielt" werden soll.Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zeigt Krisch die verschiedenen Entwicklungsstufen des Kaspar: Zuerst ist er der dumme August, dann spielt er ein Kind, das sich darin gefällt, einen Erwachsenen zu spielen; später mutiert er zum uniformen Kleinbürger, ehe er auch noch den selbstreflexiven Intellektuellen mimen muß und schließlich in der Pose des Gekreuzigten vor uns steht.Ein Entwicklungsdrama aber gibt der (besonders im zweiten Teil stark gekürzte) Text einfach nicht her; ihre besten Momente hat die Inszenierung folgerichtig dann, wenn Handke Pause macht und Tiedemann nur Musik und Bilder sprechen läßt.

Der Regisseur, der bisher noch die schwierigsten Vorlagen scheinbar mühelos spielbar gemacht hatte, hat diesmal keine passende Form gefunden.Vielleicht war Tiedemann zu überzeugt von der ungebrochenen Wirksamkeit der Vorlage; vielleicht hat er auch den Druck gespürt, der auf dem designierten Peymann-Partner lastet.Daß er sich davon aus der Bahn werfen läßt, ist dennoch nicht zu befürchten: Philip Tiedemann ist (im Doppelsinn des Wortes) selbstbewußt genug, einen kleinen Rückschlag wie diesen wegstecken zu können.Und Claus Peymann hat jetzt Gelegenheit zu beweisen, daß er ein wirklich guter Papa ist.

Wieder am 24.2., 29., 30.und 31.3.

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