Kultur : Der kubistische Laubfrosch

KUNST

Karl Hafner

Menschenfresserei war das Kampfwort des brasilianischen Modernismus. „Nur Kannibalismus vereinigt uns. Sozial. Ökonomisch. Philosophisch“, schrieb der Künstler Oswaldo de Andrade 1928 in seinem „Anthropophagischen Manifest“. In der Brasilianischen Botschaft sind jetzt 49 Werke aus der Zeit des „Modernismo Brasileiro“ zu sehen: Gemälde, Zeichnungen, Plastiken jener Künstlergeneration, die es zu Beginn des letzten Jahrhunderts nach Europa, vor allem nach Paris zog. Im Gegensatz zur Heimat herrschte dort Aufbruchsstimmung. Die künstlerischen Avantgarden schrieben ihre Glaubensbekenntnisse, postulierten den Geist der Moderne und provozierten.

Als die jungen Brasilianer nach Jahren der Lehre wieder zurückkehrten, hatten sie das Neue gesehen, diskutiert und in sich aufgesogen. Ab jetzt wurde in Brasilien modern gemalt, gezeichnet und gebildhauert, angelehnt an die europäischen Ismen: Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Surrealismus. Doch die Künstler suchten auch nach dem authentischen, brasilianischen Gesicht.

In Berlin sind nun Werke der wichtigsten Protagonisten des Modernismo Brasiliero aus der Sammlung des Museu de Arte Brasileira ausgestellt. Im ersten Raum schaut „Die Dumme“ von Anita Malfatti von der Wand, eine expressionistische Kohlezeichnung, daneben „Der Mann der sieben Farben“, wuchtig und schwer in Pastellfarben auf Papier, die den Torso eines Mannes in einer stilisierten Pflanzenwelt exponieren.

Zwischen 1910 und 1914 studierte Anita Malfatti in Berlin. Sie war es auch, die damals als Pionierin die nationale Debatte um eine moderne Kunst lostrat, als sie 1917 ihre Bilder ausstellte. Die Streitigkeiten und Diskussionen darum sollten 1922 in der legendären „Woche der modernen Kunst“ in Sao Paulo kulminieren. In den Vierzigern etablierte sich die Moderne, etwa durch Werke von Clovis Graciano oder Ernesto de Fiori, der 1936 von Zürich nach Sao Paulo übersiedelte. Spätere Tuschezeichnungen und Ölgemäde Flavio de Carvalhos aus den Fünfzigern, Holzschnitte von Oswaldo Göldi oder ein späteres Werk von Lasar Segall zeugen davon, dass das Projekt Moderne in Brasilien anhaltenden Erfolg hatte – und kultureller Kannibalismus doch nur bedeutet: keine Scheuklappen zu haben.

Brasilianische Botschaft (Wallstr. 57), bis 23. April; Mo–Fr 9-13, 14-17 Uhr. Katalog: 5 €.

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