Kultur : Der kühle Blick

Die Villa Grisebach offeriert zur Frühjahrsauktion Liebermann, Corinth, Schmidt-Rottluff – und trifft auf ein wählerisches Publikum.

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Ernste Momente. Sogar das Städel Museum bot mit um Lotte Lasersteins „Mädchen mit Katze“, das die Künstlerin 1933 im Jahr ihrer Emigration malte. Foto: Villa Grisebach
Ernste Momente. Sogar das Städel Museum bot mit um Lotte Lasersteins „Mädchen mit Katze“, das die Künstlerin 1933 im Jahr ihrer...

Gar so steil wie die Bäume im Hang aufragen, ist Gabriele Münters Landschaft „Am Starnberger See“ nicht geklettert. Doch das in schillernden Farben gemalte kleine Ölbild auf Pappe, entstanden kurz bevor sich die 1877 in Berlin geborene Malerin in Murnau niederließ, konnte seine Spitzenposition in der Villa Grisebach mühelos behaupten. Recht zügig war die untere Schätzung verdoppelt, als ein süddeutscher Telefonbieter den Hammerpreis von 600 000 Euro bewilligte.

Das war mit einigem Abstand das Höchste, was die Frühjahrsofferte dem wählerischen Auditorium entlocken konnte. Dabei waren die ausgewählten Werke verheißungsvoll gestartet. Bei Zuschlägen meist über den Schätzpreisen hatte die Hauptauktion mit Lesser Ury, Max Liebermann, Otto Modersohn oder Paula Modersohn-Becker Fahrt aufgenommen, und Lovis Corinths apartes „Fräulein Heck“ von 1897 wurde einem norddeutschen Händler für 240 000 Euro zur mittleren Taxe zugesprochen.

Mit der Losnummer zehn – Alexej von Jawlenskys „Landschaft mit See“ – wurde die gut besuchte Abendveranstaltung zum ersten Mal ausgebremst. Weitere empfindliche Rückgänge folgten mit Erich Heckels „Badende im Park“ und Karl Schmidt-Rottluffs „Lilien“. Die Provenienz ein wenig vage (Jawlensky), die malerische und kompositorische Qualität doch eher mittelmäßig (Heckel) oder das Motiv nicht so stark und typisch, wie es Sammler bei Schmidt-Rottluff lieben: Bei Erwartungen von 200 000–350 000 Euro reichen die klingenden Namen nicht.

Oder nicht immer. Denn Emil Noldes frühe, noch mit Emil Hansen signierte Darstellung einer Dünenlandschaft versuppt zwar derart im „schleswigschen Grau“ (Nolde), dass man dieser Küste lieber fernbleiben möchte. Dennoch steigerte eine süddeutsche Privatsammlung die „Dünen“ von 70 000 auf 190 000 Euro. Was daran gelegen haben mag, dass es – neben den stets üppig kursierenden Aquarellen – um ein Ölbild des Expressionisten ging. Koloristische Delikatesse kann den Sammler jedenfalls kaum bewogen haben.

Für Spannung sorgte Lotte Lasersteins „Mädchen mit Katze“. Entstanden ist das eindringliche Bildnis um 1933. Dem Jahr, in dem die Jüdin von den Nationalsozialisten vertrieben wurde. Eine neue Heimat fand die Künstlerin, die ihr Studium an der Berliner Akademie als eine der ersten Frauen abschloss, in Schweden, wo sie 1993 hochbetagt verstarb. Anerkennung fand Laserstein erst in den letzten Lebensjahren, und in der Neuen Nationalgalerie wird sie seit 2010 mit dem Meisterwerk „Abend über Potsdam“ prominent gewürdigt. Zeitlich und thematisch der Neuen Sachlichkeit nahe, unterlegt Laserstein den kühlen Blick stets mit sinnlicher Tiefe. So gehörte auch das Frankfurter Städel Museum zu den sechs Bietern, die um das subtile Doppelporträt rangen. Aufgerufen war es mit 16 000 Euro, bei 90 000 Euro schaltete sich eine hessische Privatsammlung ein und erhielt den Zuschlag mit 112 000 Euro.

Wie Laserstein stellte auch Tamara de Lempicka die junge Generation und „Neue Frau“ ins Zentrum. Typisch avantgardistisch ist das „Stillleben mit Hortensien und Zitronen“ zwar nicht, doch das in eindrücklichen Kontrasten gemalte Werk der 1898 Geborenen war einem russischen Privatsammler 155 000 Euro und damit das dreifache der Schätzung wert.

Bei den Zeitgenossen bewies Günther Uecker, dass er auch im vorgerückten Alter Nagelbilder von beeindruckender Dynamik schaffen kann. Die so frische Kraft der „Spirale“, die der Zero-Künstler im vergangenen Jahr zugunsten der Kirchengemeinde seiner Kindheit fertigte, brachte mindestens sieben Bieter auf den Plan, und ein Sammler aus dem Rheinland musste die untere Schätzung mehr als verdoppeln. Mit 340 000 Euro kann nun der Nachguss der im Krieg zerstörten Glocke finanziert werden. Applaus für den mittlerweile 82-jährigen Künstler, der damit den zwei Jahre jüngeren Fernando Botero auf den dritten Platz verwies. Das 1969 entstandene „Großmütterchen“ des Kolumbianers verfehlte die untere Taxe, konnte aber für 270 000 Euro an ein griechisches Museum veräußert werden. Während Ernst Wilhelm Nays „Furioso“ keinen Käufer in Stimmung versetzte, verdoppelte George Rickeys kinetische Außen skulptur „Six Squares Excentric“ die Schätzung mit 200 000 Euro.

Die mit Aplomb im letzten Herbst inaugurierte Abteilung des 19. Jahrhunderts verharrte in etwa auf dem Niveau des Vorjahres, mit einem in weiten Strecken eher biederen Angebot. Einen Bieterkampf löste Franz von Lenbachs „Portrait Kaiser Wilhelm I.“ aus, das von 12 000 auf 62 000 Euro kletterte. Während das im Vorfeld annoncierte Hauptlos von Franz Ludwig Catel sang- und klanglos zurückging, setzte sich Wilhelm Leibls Studienkopf eines Wilderers mit 142 000 Euro an die Spitze.

Mit einem Ergebnis von etwas mehr als 8,3 Millionen Euro nach den ersten drei Versteigerungen (ein Nachbericht zur Fotografie folgt) zeigt sich Bernd Schultz zufrieden. Immerhin kommen noch über 800 Losnummern hinzu, und angesichts einer generell schwierigen Akquise schreibt man zumindest schwarze Zahlen. Der Magie der Zahlen unterliegen nicht zuletzt auch die Einlieferer, wie die fulminanten 55 Millionen Euro anlässlich des 25-jährigen Jubiläums in 2011 zeigten. Im Herbst können sich die Vorzeichen wieder ändern. Da steuert Grisebach auf die 200. Auktion zu.

Villa Grisebach, Fasanenstr. 25, Auktion Third Floor (Schätzwerte bis 3000 Euro), am heutigen Samstag, 11 & 14.30 Uhr

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