Kultur : Der Künstler als Chamäleon

KATJA REISSNER

Rainer Fetting stellt sich schon sein ganzes Künstlerleben lang das eigene malerische Bild vor Augen. Von der noch akademisch gezähmten Attitüde des schlaksigen Jungen, der so vermeintlich lässig und etwas harmlos im Atelier der Hochschule der Künste posiert (1973), bis zur Zwiesprache mit großen Malern, wie Velázquez, Rembrandt und Pollock in den Neunzigern. Die Spielarten sind so zahlreich, wie eine Malerpersönlichkeit es zuläßt, die immer wissen wollte, wie ihr weibliches Element im Männlichen zur Geltung gelangt. Das Selbst kann verkleidet sein oder entblößt; es kann die Allmachtsphantasie unbändiger Kreativität auf der Leinwand explodieren lassen oder eher spröde Zurückhaltung skizzieren.

Da ist es schwierig, die malerische Qualität objektiv zu beurteilen, hat es der Maler einmal geschafft, den Betrachter auf seine Seite zu ziehen und in seiner Repräsentation der künstlerischen und männlichen Psyche forschen zu lassen. Doch so etwas wie eine Verlaufkurve in der Freiheit und Grandiosität der Malerei gibt es auch. Ab Mitte der siebziger Jahren inszeniert sich Fetting in Bildern wie "Selbst im Fummel" oder "Fummel Travestie" als mondäne Petitesse, der es um die narzistische Spiegelung der Schönheit zu tun ist. Doch dann beginnt mit "Van Gogh und Mauer" (1978) eine Serie, die das Selbstporträt thematisch erweitert und von der Schönlinigkeit fort zu einer neuen energetischen, hoch angespannten Malerei führt, die einen ersten Höhepunkt darstellt und sich in den folgenden Jahren kraftvoll entwickelt.

Fetting feiert seinen Körper in "Akt im Spiegel" (1980), agiert sich auf den größer werdenden Formaten der "Neuen Wilden" starkfarbig aus und wird schließlich zum "New York Painter" (1983) mit Bildern, die so vordergründig vor Kraft strotzen, daß sie die verhaltene Intellektualität, die Fetting auch besitzt, vorübergehend beiseite lassen. Bei den Subway-Bildern um die Mitte der achtziger Jahre kommt ein weitere, wirklich eigene Bildfindung hinzu. Auch hier greift Fetting wieder auf seinen Patron Vincent van Gogh zurück und hat dem "Candleman" einen Kranz der Erleuchtung aufgesteckt, der sich aus dem Wissen um die riskante Gratwanderung des Ahnen speist und ihr eine zeitgemäße Version folgen läßt.

In den neunziger Jahren hat Fetting diesen Rausch hinter sich gelassen und gibt sich multiplen Rollen hin, um immer wieder seiner Existenz als Maler gewiß zu werden. Dabei kommen gelungene und gescheiterte Bilder zustande. So ist das "Selbst-JacksonPollock" (1997) wie ein kraftloser, an sich selbst irre werdender psychischer Schemen, von dekorativen Spritzern umrahmt, die in Bezug auf den großen Maler eher kleckern als klotzen. Velázquez jedoch scheint weit genug in die Geschichte zurückgesunken, um die Art von Gegenüber zu bilden, an dem Fetting die Textur seiner eigenen Malerei verdichten konnte, um sich selbst erneut kraftvoll und statuarisch als männlich-weibliche Infantin zu begegnen.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128 / 129, bis 20. Juni. Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Sonnabend, Sonntag 12-16 Uhr. Katalog im Nicolai-Verlag Berlin

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