DER KÜNSTLER : Die Erfindung der Anmut

Münchens Alte Pinakothek beglückwünscht sich zu einem wiedergefundenen Parmigianino

Bernhard Schulz

Die Frage nach der Autorschaft eines Gemäldes beschäftigt die Kunstwissenschaft von Anbeginn an. Dabei spielt die Kennerschaft noch immer die wichtigste Rolle. Kennerschaft ist es auch, die der Alten Pinakothek München zu einem Werk von Parmigianino verholfen hat – zurückverholfen, um es genau zu sagen, denn das Gemälde „Maria mit dem Kind und einem Mönch“ wurde nur bis 1869 als Arbeit des nach seiner Geburtsstadt benannten Meisters Francesco Mazzola (1503–1540) geführt, dann aber seinem weit weniger bedeutenden Mitarbeiter Bedoli zugeschrieben.

Vor vier Jahren machte die Jubiläumsausstellung in Parma und Wien mit dem Werk des jung verstorbenen Künstlers vertraut. Die Münchner Madonna war darin nicht vertreten – doch die stilistische Verwandtschaft sprang so stark ins Auge, dass umfangreiche Untersuchungen folgten, die das Werk nunmehr eindeutig als Arbeit des Manieristen ausweisen.

Über Parmigianino schrieb Vasari, der Ahnherr der Kunstgeschichtsschreibung, der „Geist Raffaels“ sei in ihn gefahren. Das ist durchaus irreführend. Denn das Werk zeigt gerade die Auflehnung des Jüngeren gegen das auf Ebenmaß beruhende Schönheitsideal des 1520 verstorbenen Raffael. Nicht auf Ebenmaß und Naturschönheit zielt Parmigianino, sondern auf invenzione, auf Erfindung: Kunst, die als Kunst hervortritt.

So spielt es keine Rolle, dass die Jesusknaben Parmigianinos durchweg zu groß ausfallen, die Madonnen zu stilisiert, der Bildraum zu uneindeutig: Ebendas wollte Parmigianino und führt es in seiner Florentiner „Madonna mit dem langen Hals“ zur höchsten Meisterschaft. Der Vergleich mit diesem Hauptwerk des Manierismus – abgeleitet von der maniera des Künstlers – führte die Münchner Kuratoren zugleich zur Datierung um 1535. Die Ähnlichkeit der beiden Madonnen ist ebenso frappierend wie die ihrer grazilen Handhaltungen und die fließende Bewegung der – tatsächlich ruhenden – Figurengruppen.

Vasari charakterisiert 1550 die Kunst des bereits verstorbenen Parmigianino mit den Begriffen Anmut, Zartheit und Liebreiz. Genau das charakterisiert die Madonnen. Doch darf die virtuose kompositorische Leistung Parmigianinos nicht übersehen werden. Er schafft unbestimmte, im Dunkel sich verlierende Räume, die sich mit Attributen des göttlichen Paares begnügen, wie etwa der Weltkugel in der Dresdner „Madonna mit der Rose“. Im Münchner Bild ist es der Kartäusermönch, mit dessen Eintreten in den ansonsten unausgeführten Renaissance-Raum ein Stück Himmel als Verweis auf Herkunft und Bestimmung des Jesusknaben hereinscheint.

Parmigianino ist einer der ersten Künstler, die die Zeichnung als eigenständiges Medium künstlerischen Ausdrucks begreifen. Mit Feuereifer stürzt er sich zudem auf die neuartige, aus Deutschland gekommene Technik der Radierung. Die erlesene Münchner Ausstellung, die dem eigenen Bild einige wenige weitere Gemälde und grafische Studien hinzufügt, wird ergänzt durch eine Übersicht über sämtliche Radierungen Parmigianinos.

Beide Ausstellungen unterstreichen, dass die wichtigste Arbeit der Museen die mit der eigenen Sammlung ist. Im schönsten Fall kommt man so zu einem eigenen, zauberhaften Parmigianino.

München, Alte Pinakothek, bis 24.2., Kataloge beider Ausstellungen bei Hatje Cantz, 25/29 €, im Buchhandel je 35 €.

Francesco Mazzola wird am 11. Januar 1503 in Parma geboren und nach seiner Vaterstadt Parmigianino genannt. Mit seinem berühmten „Selbstbildnis im Konvexspiegel“, gemalt im Alter von 21 Jahren (Kunsthistorisches Museum Wien, Ausschnitt), bewirbt er sich am päpstlichen Hof. In Rom wird er als neuer Raffael gefeiert. Die sich abzeichnende Laufbahn wird 1527 jäh durch die Plünderung Roms durch kaiserliche Truppen unterbrochen. Der Künstler geht nach Bologna, dann zurück in seine Heimatstadt, in deren Nähe er 1540 verstirbt. Nach 1530 entstehen seine Hauptwerke, darunter die „Madonna mit dem langen Hals“.

Giorgio Vasari widmet Parmigianino 1550 eine Lebensbeschreibung, die die wichtigste Quelle zur Biografie Parmigianinos darstellt. Darin rühmt er „Anmut, Zartheit und Liebreiz“ der Werke, aber auch der Person des Künstlers.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben