Kultur : Der Kulturträger

Bernhard Schulz über das dritte Goethe-Institut in Russland

Als Gorbatschow Generalsekretär war, alsbald die Mauer fiel und anschließend zusammenwuchs, was zusammengehörte – kurz, als das Verhältnis zum neuen Russland noch alle Hoffnungen barg, da war auch die Auswärtige Kulturpolitik zur Stelle. Millionen von Russen, die Deutsch lernen wollten – was für eine Herausforderung! Sondermittel für Mittel- und Osteuropa („MOE“) wurden bereitgestellt, und am Horizont zeichnete sich ein Netz von Goethe-Instituten im russischen Riesenreich ab, das nicht nur aus Moskau und St. Petersburg besteht, sondern Dutzende von Großstädten bis ins fernste Sibirien umfasst.

Daraus wurde nichts. Die Politik ging über die Hoffnungen der Kulturmenschen hinweg, auch errang das Englische im konsum- und lifestylebegierigen neuen Russland eine Vorrangstellung. Goethes „Faust“ aus dem Stegreif rezitieren können nur noch ältere Semester, die sich ihre bewundernswerte Liebe zur deutschen Kultur bewahrt haben.

Solche Liebe zu wecken, ist das bisweilen arg zeitgeistige Goethe-Institut vielleicht gar nicht mehr in der Lage; aber, sei’s drum, es ist gut, wenn es eines gibt, schon gar in der kulturell nicht eben reich gesegneten russischen Provinz. Nowosibirsk kommt nach den beiden Weltmetropolen als dritter Standort hinzu. Das wurde lange schon verhandelt, aber erst jetzt, zum Abschluss der deutsch-russischen Regierungskonsultationen in St. Petersburg, haben es die beiden Außenminister per Handschlag besiegelt, man braucht schließlich irgendein greifbares Ergebnis. Deutschland und Russland verbindet über Jahrhunderte hinweg ein reiches Geflecht kulturellen Austauschs, mal mit, meist aber gegen die politischen Verhältnisse. Das hierzulande vergessene Wort „Kulturträger“ hat sogar in die russische Sprache Eingang gefunden. Möge das Goethe-Institut in Nowosibirsk ein solcher Kulturträger sein.

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