Kultur : Der Kunst ein Kleid

Picasso zum Anfassen: Die Maler Malte Seibt und Thomas Skiba sind Rahmenbauer geworden

Annabelle Seubert
Die drei großen K. Malte Seibt und
Die drei großen K. Malte Seibt und

Mit der eigenen Kunst haben sie abgeschlossen – eigentlich. Und deshalb nach ihrem Studium an einer Kunstakademie erst einmal andere Berufe ergriffen. Wie wichtig die Zeit im Atelier dennoch für sie gewesen ist und wie sehr einen die Erfahrungen mit Malerei, Skulpturen oder neuen Medien prägen, erzählt die Sommerserie der Seite „Kunst & Markt“.

Ein bisschen deplatziert wirken die Jungs ja schon, wie sie inmitten von Papierstapeln, Farbtöpfen und Sägespänen sitzen. Vor allem, weil zwischen ihren geschäftsmännischen Floskeln immer dieses charmante Schmunzeln hervortritt, hinter dem man bestimmt keine Unternehmer vermutet. Eher zwei Strolche, die sich mal ausprobiert haben, dann vom Erfolg überrannt wurden und plötzlich in die Rolle ehrgeiziger Manager schlüpfen mussten. Um sie noch heute schleunigst abzulegen, sobald sie zuhause sind – wie einen zu engen Anzug, der schon den ganzen Tag gezwickt hat. „Manchmal gehst du zum Kühlschrank und holst dir ein Bier, bevor du der Frau hallo sagst“, erzählt Malte Seibt. Thomas Skiba nickt. Die beiden haben ihre Kunst aufgegeben, um anderen Künstlern zu helfen: Sie sind Rahmenbauer.

Kein großer Sprung, könnte man meinen, hat doch auch was mit Gemälden zu tun. „Das war ein Prozess“, erinnern sich Skiba und Seibt. Sie haben zusammen Malerei an der Berliner Hochschule der Künste studiert, jeden Tag der Leidenschaft gewidmet. Bis sie gemerkt haben, dass sie jeden Tag der Leidenschaft opferten. Und ihre jungen Familien nicht von Lebensträumen ernähren konnten. „Dieser ewige Ein-Mann-Kampf: Ich und die Leinwand, das hat mich nicht befriedigt“, sagt Seibt. „Irgendwann mussten wir uns fragen: Wofür schlägt das Herz mehr? Wo sind die Perspektiven?“, sagt Skiba. So fiel die Entscheidung, statt der Nebenberufe in Museum und Altenheim etwas Gemeinsames aufzubauen, das den Geldbeutel füllt und das Gelernte einbezieht. Darauf gab es den Handschlag – und das Existenzgründerseminar, eine ziemlich „langweilige Veranstaltung“, nach der wiederum „erst mal ’n Bierchen“ hermusste.

Gut 13 Jahre ist es jetzt her, dass Skiba und Seibt das Unternehmen „Fine Art Service“ auf die Beine stellten. Heute werden dort 10 000 Kunstwerke pro Jahr gerahmt. Bis zu 25 Tischler und Logistiker messen und schleifen in der Kreuzberger Werkstatt, während Händler und Galeristen ein- und ausgehen, Künstler und die, die es gern wären, mehr oder weniger absurde Wünsche äußern. 1600 Kunden beliefert „f.a.s.“, wie der Betrieb, dem Naturell seiner Leiter entsprechend, genannt wird. Sammler Paul Maenz kommt seit Jahren; wie viele Aufträge von der Newton-Stiftung eingegangen sind, weiß man schon gar nicht mehr. Bloß dass man für deren Alice-Springs-Ausstellung 300 Fotografien in sieben Wochen „einkleiden“ durfte. Auf einer Vernissage nahm Springs, Fotografin und Frau des 2004 verstorbenen Helmut Newton, die Rahmenbauer persönlich beiseite. „Die kam extra auf mich zu“, strahlt Seibt. Um ihm zu versichern, dass sie weiterhin mit f.a.s. arbeiten will. Nur mit f.a.s.

Warum dieser ganze Erfolg? „Weil wir kreativ beratend tätig sind“, antwortet Seibt, merkt, wie das aus seinem Mund klingt, und schiebt dann nach: „Wir haben den Blick auf die Kunst gelernt. Wir wissen, dass jedes Werk einzigartig ist. Wenn man einen Künstler berät, muss da Liebe sein. Für das, was er tut, und für den, der es tut.“ Außerdem kam den Männern der Kunstboom 2006 und der Zuzug vieler Galerien zugute. Sogar enorm: damals verdoppelte sich ihr Umsatz. „Wir dachten echt: Das kann doch alles nicht mehr wahr sein!“ Malte Seibt schüttelt den Kopf wie ein Schuljunge, der verpasst hat, erwachsen zu werden. Einer, der sich manchmal fragt, wie er eigentlich eine Firma führt, wo er doch viel lieber Playstation zockt. Und dann jedes Mal vom Alltag eingeholt wird, davon, dass er bei der Arbeit im Team richtig aufblüht, und davon, dass er ein Macher ist, Sachen anpackt und entwickelt. Stolz öffnet der Berliner eine Schublade und holt ein gräuliches Holzteil hervor: „Das ist Whisper Blau.“ Die ehemaligen Künstler entwerfen auch Farben. Wenn sie nicht gerade Ateliers besuchen, deren Besitzer in ihren Vorstellungen bremsen oder bestätigen.

Man muss wissen: Die Kunden lassen sich in drei K-Gruppen teilen. Es gibt die Konservativen („Die kommen mit ’nem Stich an“), die Kollegialen („Malte, machste wie letztes Mal, wa!“) und die Knallköpfe („Sperma haben wir schon zwei Mal gerahmt“). Seibt und Skiba freuen sich drüber. Sie verfallen niemals in Routine, stehen Arbeiten von Picasso und Warhol gegenüber und „sind der Kunst viel näher als jeder Normalsterbliche.“ Das sagt Seibt, während sein Kollege nickt. Thomas Skiba wartet meistens ab, dass Freund Malte, der Visionär, übernimmt. Dass der einen Scherz macht. Skiba lacht dann dazu, wird aber schnell wieder ruhig oder rückt seinen Stuhl zurecht. Er ist der Typ im Hintergrund, zurückhaltender, bodenständiger. Vielleicht geht die Rechnung darum so gut auf: Der eine zieht die Leute an, der andere zieht die Fäden.

Ihren Handschlag bereuen die beiden nicht. Sie wissen, dass ihnen ihr Kunstverständnis die Feinfühligkeit gibt, mit Künstlern und deren Schöpfungen umzugehen. Und es erlaubt ihnen, darüber zu urteilen, wo noch fünf Zentimeter wegmüssen und wo nicht. Betriebswirtschaft wäre für Malte Seibt und Thomas Skiba also nie infrage gekommen, da wäre ihnen der Lebenstraum genommen worden. So sitzen sie bloß „auf der anderen Seite vom Tresen“, meint Seibt. Oft ist dieser Tresen unwahrscheinlich schmal, fast schon dermaßen schmal, dass man auf die Urheber-, die Schaffensseite greifen könnte. Das Bild von Olafur Eliasson, das da an der Seite der Werkstatt steht, wird jedenfalls nicht nur begutachtet, sondern auch angefasst.

Fine Art Service, Wilhelmstraße 118 (Berlin-Kreuzberg), Tel.: 030/251 78 68. www. fas-art.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar