• Der Kunstherbst beginnt: Saisonstart! - Neue Galerien, Umzüge und das "art forum berlin"

Kultur : Der Kunstherbst beginnt: Saisonstart! - Neue Galerien, Umzüge und das "art forum berlin"

Katrin Wittneven

"Erleben Sie die zeitgenössische Kunst als unübersichtlich?" Diese Frage der Künstlergemeinschaft INTER-TRANS verneinten nur 10 Prozent der Befragten. 83 Prozent der 563 Teilnehmer, die alle beruflich mit bildender Kunst zu tun hatten, antworteten bei der internetgestützen Umfrage mit "Ja". Der Galerist Boris Abel präsentierte Ende August in seinen neuen Galerieräumen in der Sophienstraße 18 das Ergebnis in Tortenform.

Wer will es den Befragten verdenken? Schnell kann man die Übersicht in der sich stetig wandelnden Berliner Mitte verlieren; dazu bringt diese Saison eine Reihe von Neueröffnungen und Umzügen unter den Galerien: Vom Prenzlauer Berg nach Mitte hat Giti Nourbakhsch ihre Galerie verlegt. Am 16. September eröffnet sie ihre neuen Räume in einem ehemaligen Friseursalon mit Arbeiten von Dieter Detzner (Rosenthaler Straße 72). Pünktlich zum "art forum berlin" Ende des Monats beginnt der Galerist Rudolf Kicken in der Linienstraße 155 seinen Ausstellungbetrieb mit dem Bauhaus-Fotografen Umbo und - in dem kleinen Ausstellungsraum "Kicken II" - Arbeiten von Dieter Appelt. Mit 160 Quadratmetern gehört die Galerie "Kicken Berlin" zu den größten in Mitte. Bei der Suche nach Räumen hat sich der Kölner Galerist, der Fotografie der klassischen Moderne und fünfziger Jahre ebenso wie zeitgenössische Fotografie vermittelt, zunächst in Charlottenburg umgesehen und war dann doch von den Gegebenheiten in der Linienstraße begeistert: "Wir haben uns von den Räumen inspirieren lassen", sagt Kicken auch im Hinblick auf seine erste Ausstellung. Mit fast 130 Vintage Silver Prints zeigt er nahezu das gesamte Werk des Fotografen Umbo, dessen Berliner Studio im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde.

Bereits am 23. September eröffnet Volker Diehl die Galerie "Diehl Vorderwuelbecke" in der Zimmerstraße 88-91 mit einer Gruppenausstellung britischer Kunst in zwei Teilen. Nach Installationen unter anderem von Willie Doherty und Tomoko Takahashi, folgt im zweiten Teil Malerei aus Großbritannien. Auch Barbara Weiss (vorher Postdamer Straße) wird hier ihre neuen Räume beziehen. Neu nach Berlin kommt der Stockholmer Galerist Claes Nordenhake, der mit Künstlern wie Rémy Zaugg, Walter Niedermayr, Antony Gormley und John Coplans ein internationales Programm zeigt. Nordenhake eröffnet seine Galerie in der Zimmerstraße im Oktober mit vier Installationen von Miroslaw Balka, David Hammons, Mona Hatoum und Ann-Sofi Sidén. In direkter Nachbarschaft zu der Galerie Hetzler entsteht so auf "noch nicht definiertem Terrain" (Barbara Weiss) ein neuer Galerienkomplex. Noch auf Raumsuche befindet sich der norwegische Galerist Atle Gerhardsen.

Auch er macht sich im Dunstkreis der Auguststraße auf die Suche, wenn auch die "Mitte" nicht mehr wie einst als Markenzeichen funktioniert. Mit den Schlagworten "Heterogenität" und "urbanes Umfeld" plazierten sich Galerien wie "neu", Barbara Thumm und Markus Richter in den letzten Jahren bereits mit Sicherheitsabstand zur Auguststraße. Aber auch die dortigen Pioniere wie Eigen + Art oder Wohnmaschine sind mit der Zeit gegangen, haben renoviert und setzen auf internationales Programm. Auch wenn die Pfade rund um die Auguststraße ausgetreten scheinen, ziehen sie nach wie vor arrivierte Galeristen magisch an: Die Stuttgarter Galerie Walter Bischoff hat in der Linienstraße 121 eine Dependence eröffnet und zeigt nach Rainer Görß in ihrer zweiten Ausstellung den russischen Maler Valery Koshlyakov. Die Galerie "gridervonputtkamer" (Sophienstraße 25) zeigt nach Newcomer Nic Hess und Fotografie-Altmeister Nobuyoshi in ihrer dritten Ausstellung den Schweizer Maler Albrecht Schnider. Am Programm feilen Jesco von Puttkamer und Damian Grieder noch, aber es soll eine Mischung aus neuen und etablierten Positionen sein. Dass die Zeit der Provisorien lange vorbei ist zeigt auch ihre Bleibe: Die 80 Quadratmeter großen Räume von kühler Eleganz wurden von dem Büro "Hemprich Tophof Architekten" umgebaut.

Zwischen den aufwändig sanierten Galerien mit internationaler Glätte gibt es allen Unkenrufen zum Trotz, immer noch eine lebendige off-Szene: In dem von Künstlern und Kunstvermittlern organisierten Ausstellungsraum "Sparwasser HQ" ist eine Gruppenschau unter anderem mit N55 und Dellbrügge & de Moll noch bis zum 23. September (Torstraße 161) zu sehen, und in dem neuen Ausstellungsraum "WBD" läuft die Ausstellung "Eselsstroh" mit einer Arbeit von Fritz Heisterkamp (Brunnenstraße 9). Betrieben wird der Raum von den Künstlern Michael Dethleffsen, Thomas Ravens und Martin Städeli, die ihre Projekt zunächst bis März 2001 geplant haben. Sie bekennen sich schon mit dem Namen "WBD" - als Kürzel für Wand, Boden und Decke - zum white cube und grenzen sich damit von den Clubs ab, die auch als Galerie fungieren.

Noch immer fehlt es in Berlin an einem institutionellen Rahmen für ein regelmäßiges Künstlerfilmprogramm. Nicht nur das "Büro Friedrich" (Gipsstraße5) füllt hier Lücken, sondern auch die Galeristen. Bereits im letzten Jahr haben Barbara Thumm und Giti Nourbakhsch zu Filmabenden geladen. Auch in diesem Herbst ist ein Programm geplant: In Kooperation mit dem BBK zeigen die Kuratorin Angelika Richter und Barbara Thumm ab 23. September unter dem Titel "no vacancies" für neun Tage Künstlerfilme in einem leerstehenden Haus in der Rosa-Luxemburg-Straße 9-13. Gezeigt werden unter anderem Arbeiten von Johan Grimonprez, Martin Dammann, Hubbert & Birchler.

Ein Höhepunkt des Kunstherbstes wird das "art forum berlin" vom 27. September bis 1. Oktober sein. Drei Wochen vor Beginn informierte die Geschäftsleitung über den aktuellen Stand: Noch einmal erhöht sich die Anzahl der Galerien aus dem Ausland. Insgesamt präsentieren 159 Händler aus 23 Ländern ihre Künstler. Über 70 Prozent der Galerien kommt zum wiederholten Mal nach Berlin. Beschwerten sich im letzten Jahr manche über das Kunstlicht in einigen Messehallen, sollten nach dem Umzug in die Hallen 21 bis 23, die sämtlich über Tageslicht verfügen, alle zufrieden sein. Neues versprechen die Veranstalter in der Kategorie "Junge Galerie". 19 Aussteller wurden eingeladen, ihre Künstler zu günstigeren Konditionen zu präsentieren. Die Standgröße wurde von 15 auf 20 Quadratmter erhöht; wie in den vergangenen Jahren folgen die Galerien alphabetisch aufeinander. Diese für das "art forum" charakteristische Plazierung dürfte zunehmend schwerer werden: Seit vergangenem Jahr hat sich die Anzahl der Gemeinschaftsstände mehr als verdoppelt. Besucherfreundlich zeigt sich die Messe mit dem auf 20 Mark gesenkten Eintrittspreis für die Tageskarte (Schüler, Studenten, Gruppentarif und Abendticket ab 18 Uhr). Parallel zum fünften "art forum berlin" wird am 30. September Galerierundgang in Mitte sein. Wer wird denn da den Überblick verlieren?

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