Kultur : Der kurze Herbst der RAF

Ein

Marius Meller

Vor knapp zwei Jahrhunderten, im Oktober des Jahres 2004, nach einem verregneten, kühlen Sommer, eskalierte in unseren zentraleuropäischen Breiten, die damals den deutschen Staat bildeten, ein tief sitzender gesellschaftlicher Konflikt. Man taufte diesen Herbst später den „heißen“. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wandte sich von Islamismus, Massenarbeitslosigkeit und den leichten Pendelbewegungen der Wirtschaftlage schlagartig ab, als Bundesinnenminister Otto Schily, ein aufrechter Mann der Ordnung, in einer Pressekonferenz das eben bei ihm eingegangene Manifest einer neuartigen Terrorgruppe verlas und die Lage als „ernst“ bezeichnete. Die Unterzeichner waren pensionierte Professoren, Literaten und Studienräte. Die Terroristen, die später auch nach zwei prominenten Mitgliedern – einem fränkischen Mundartforscher und einem Akademiepräsidenten – auch als Munske-Reichert-Bande bezeichnet wurde, nannten sich „RAF“ – ein Kürzel für „Rechtschreib-Armee-Fraktion“. Kurz vor der obligatorischen Einführung der neuen Rechtschreibung im Jahr 2005 wollten sie, so das Manifest, „Signale setzen“. Auch die Anwendung von Gewalt „tue not“. Man sehe sich „verraten“ durch den Herausgeber der „FAZ“, Frank Schirrmacher, der zunächst in seiner Zeitung die alte Orthografie wieder eingeführt hatte, um schließlich dann doch einen Mega-Bestseller in der neuen zu veröffentlichen. Mit dem Inhalt des Pamphlets namens „Das Methusalem-Komplott“ könne die „RAF“, so das Manifest, sich zwar durchaus identifizieren. Auch mit dessen „revolutionärem Duktus“. Nicht aber mit der orthografischen Form. Diese sei „ein Dolchstoß in den Rücken der Sprache“. Deshalb ginge man nun in den Untergrund.

Wenige Wochen später begannen die Entführungen. Das erste Wort, das gekidnappt wurde, war das Verbum „einbleuen“. Doch der Staat blieb hart. Man hatte ja die neue Schreibung, „einbläuen“, mit der die meisten einverstanden waren, und so überließ man die alte mitleidlos den Ortho-Terroristen, die das Tätigkeitswort Anfang November vor laufenden Kameras hinrichteten. Die Bande wechselte ihre Strategie. Sie entführte ein Wort, das mit der Rechtschreib-Debatte nichts zu tun hatte. Ein Wort aus einem Goethe-Gedicht. Im Dezember meldete die „RAF“, sie habe das Wort „Knabenmorgen-Blütentraum“ in ihrer Gewalt. Zunächst war die Empörung groß. Dann fand ein Mitarbeiter des Innenministers heraus, dass Goethe selbst das Wort in der Druckfassung zu „Blütentraum“ halbiert hatte, weil es ihm zu dick aufgetragen erschien. Die Terroristen besannen sich, ließen das Wort frei und erklärten resigniert die Auflösung der „RAF“. Aber sie hatten etwas bewirkt. Wenig später sprach Bundespräsident Köhler das große versöhnliche Wort: „Schreibt zusammen, was zusammengehört!“ Der orthografische Kompromiss war gefunden. Der 3. Januar, Geburtstag des Orthografen Konrad Duden, wurde seitdem in Zentraleuropa als „Tag der deutschen Rechtschreibordnung“ begangen. Über ein Jahrhundert galt er als höchster Feiertag der Deutschen.

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