Kultur : Der Kuttelkompromiss

Sitzordnungen und andere Kalamitäten – ein europäisches Essen mit alten und neuen Nachbarn /Von Péter Esterházy

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In Europa würde ich nie daran denken, dass ich ein Europäer bin, und falls ich annehmen kann, was ich annehme, dass auch Ungarn Europa ist, verstehe ich, warum ich nach vielen Jahren ausgerechnet in Japan wieder dran dachte, ein Europäer zu sein. Als am meisten europäisch hat sich dort mein Kreuz erwiesen, genauer gesagt waren es die Kreuzschmerzen. Die japanischen Sitzgelegenheiten entsprachen nicht meinem griechischjüdisch-christlichen Körperbau. Plötzlich war der gewöhnliche Stuhl das Sine-qua-non der europäischen Kultur. Aber unser verzweifeltes, hoffendes, europäisches Ich können wir in beliebigen anderen Objekten wiederfinden.

Wenn wir das Wort europäisch sagen, reden wir im Grunde von etwas, das etwas ähnelt und sich davon unterscheidet, von etwas, das wir wie die eigene Hosentasche kennen und aufgeregt darauf warten, es kennen zu lernen. Europa ist das, was wir als heimisch empfinden, ohne uns zu langweilen. Falls wir uns also an einen weiß gedeckten Tisch setzen, sind wir ruhig, weil wir uns auskennen, und wachsam und angeregt sind wir außerdem, weil wir etwas erwarten.

Ist dieser Tisch italienisch, sind wir irgendwie immer in der Mehrzahl zugegen, ich riskiere die Aussage, dass man an einem italienischen Tisch nicht einmal theoretisch verlassen sein kann. Denn auch, wenn wir dort einsam säßen, würde sich entweder herausstellen, dass dieser Tisch doch nicht italienisch ist, oder der Kellner ließe sich gleich zu uns nieder, und während er unsere geliebte Saltimboca a la romana kosten würde, würde er wendungsreiche Geschichten aus seinem langen, lehrreichen Leben erzählen. Säßen wir an einem französischen Tisch, würden wir diesen Kellner sofort rausschmeißen lassen, an einem serbischen Tisch wäre er bald schon unser Bruder. Am italienischen Tisch gibt es Formen und zugleich Formlosigkeiten; dort sind die Formlosigkeiten der Form, nämlich Ordnung und Freiheit, auf eine sehr natürliche Weise bekannt. Zusammenfassend könnte man sagen, dass es eine Sitzordnung gibt, die man umwerfen kann, allerdings nicht zu sehr.

Am französischen Tisch gibt es nur Sitzordnungen, die ganze Welt ist eine Sitzordnung; beim englischen Tisch auch, sehr sogar, nur spricht man nicht darüber. Am deutschen Tisch ist das Problem grundsätzlicher Natur. Was bedeutet ein deutscher Tisch? Ist es richtig, dass es ihn gibt, wenn es ihn geben kann? Und was überhaupt ist ein Tisch? Was ist deutsch? Ist der Tisch zunächst deutsch und dann europäisch oder umgekehrt? Ist es nicht so, dass die Frage die Antwort von vornherein einschließt? Und könnte es ein Ausweg sein, dass Wittgenstein kein Deutscher, sondern ein Österreicher war? Ist der Holzweg ein Ausweg etc.?

Auch der ungarische Tisch stellt mehrheitlich deutsche Fragen. Was ist ungarisch, und so weiter, wie sind die Beziehungen zwischen Individuum und Gemeinwesen, doch stellt dieser Tisch einerseits nicht alle möglichen Fragen, andererseits versteht er die eigenen Fragen nicht. Wahr ist allerdings, dass ihn das nicht stört, wirklich nicht. Mit osteuropäischer Überheblichkeit (so wird bei uns das Provinzielle genannt) pflegen wir zu sagen, dass man den ungarischen Tisch nur am ungarischen Tisch sitzend verstehen kann, am ungarischen Tisch zu sitzen, bedeutet aber gerade, dass wir nicht verstehen, was es bedeutet, dort zu sitzen.

Folglich ist der Tisch als solcher europäisch, aber gibt es einen europäischen Tisch? Was wären denn dessen Eigenschaften? Wäre der Kellner unser Bruder, oder würden wir diesem undisziplinierten Menschen kündigen? Oder würden wir beides zugleich tun? Geht es dabei um Chaos oder um Reichtum? Und was bedeutet, dass es anderswo wiederum nicht mal einen Tisch gibt, und oben, auf der nicht vorhandenen Tischplatte, gibt es nichts? Wie können Hunger und Kellner zusammenpassen? Reicht es, Fragen zu stellen? Oder braucht man für ein neues Europa auch eine neue Sprache, neue Bilder, neue Metaphern? Diese Tisch-Angelegenheit hat eine Weile funktioniert, jetzt funktioniert sie nicht mehr. Einen europäischen Tisch gibt es nicht, sondern nur europäische Tische. In der neuen Sprache ist „europäische Tische“ selbstverständlich ein Singular.

Da gäbe es aber noch ein kleines Problem. Der Tisch nämlich ist neu, neu sind seine Beine, neu sind vielleicht sogar die Anzahl der Beine, neu die Sprache, in der wir über ihn reden – nur wir sind alt. Und diese alte Stimme wird dann sagen, dass ein Tisch vor allem Heimat, Wurzeln und den ewigen Platz der Tischgespräche bedeutet, und vor allem das wird der neue Tisch wissen müssen.

Obwohl... allein zu sitzen, wortlos, vor einem scharf gewürzten großen Teller Kuttelgulasch,... und inzwischen verstreicht die neue europäische Zeit... Kuttelkompromiss, so hieß das bei den alten Griechen.

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