Kultur : Der Lackmeister

Er wird oft mit Heinz Berggruen verglichen. Der in Tokio lebende Klaus F. Naumann ist ein wichtiger Mäzen für das Ostasiatische Museum – und wie Berggruen geborener Berliner. Aber es gibt auch Unterschiede

Christina Tilmann

Beim Einwickeln sind seine Hände sehr geschickt: Erst der eine Zipfel des Tuchs, dann der andere, die Seiten eingeschlagen und am Schluss alles mit einer Schleife verknüpft. „Das ist das erste, was jeder Kunsthändler und -sammler in Japan lernt“, erklärt Klaus Friedrich Naumann. Und Willibald Veit, Direktor des Ostasiatischen Museums in Berlin-Dahlem, fügt hinzu: „Nichts ist peinlicher, als wenn eine japanische Delegation kommt, und wir haben unsere Objekte auf deutsche Art verpackt.“ Es gibt vieles, was man lernt an diesem Abend: Darf, wenn es Frühling wird, noch ein Herbstbild an der Wand hängen? In Japan wäre das unmöglich. Die Bilder werden den Jahreszeiten entsprechend gewechselt, und oft noch häufiger. Kommt ein Gast zu Besuch, hängt man das Bild auf, das man extra für ihn ausgesucht hat. Zu jedem Bild gehört übrigens sein eigener Kasten, mit Provenienzen und Kommentaren bemalt. Als Anfang des 20. Jahrhunderts deutsche Museumsleute die ganzen Kästen fortwarfen, weil sie nicht nur Kästen in den Schränken haben wollten, ging unwiederbringbares Material verloren.

Beobachtet man Klaus F. Naumann, vergisst man, dass Ostasiatische Kunst in Deutschland eine Sache für Spezialisten ist. Mit dem Eifer eines wahren Überzeugungstäters erklärt er, wie man an der Befestigung der Bilder auf Stoffbahnen den Sammler, anhand der Blumen die Jahreszeiten erkennen kann (Kirschblüten für den Frühling, Chrysanthemen für den Herbst) oder, warum es derzeit so schwierig ist, die auf Elfenbein aufgezogenen Rollen nach Deutschland zu exportierten.

Der gebürtige Berliner ist einer der wichtigsten Kunstmäzene der Stadt: Selbst Sammler und Händler ostasiatischer, vor allem japanischer und koreanischer Kunst, gehört er zu den Hauptförderern des Ostasiatischen Museums. Vor Jahren schon finanzierte er Planung und Teile des Umbaus, setzte den Einbau eines japanischen Teeraums durch, und überließ schließlich dem durch Kriegsverluste schwer gebeutelten Haus – 90 Prozent der ehemals weltweit führenden Sammlung gingen als Beutekunst nach Russland und lagern immer noch, teilweise originalverpackt, in den Kellern der Petersburger Eremitage – einen Großteil seiner Sammlung, teils als Schenkung, teils als Dauerleihgabe auf zehn Jahre.

Seit rund 40 Jahren lebt Naumann in Japan, im Land seiner Sammelleidenschaft. Und die japanische Kultur, der tägliche Umgang mit ihrer Kunst haben abgefärbt: Der Sammler trägt die Haare kurz, er sitzt beherrscht, die Hände fächerförmig aneinander gelegt. Und er spricht leise, zurückhaltend, nicht nur, wenn er etwas zögernd, stockend Deutsch spricht – die Sprache, die er zuletzt als Zwölfjähriger sprach, bevor er Deutschland 1948 verließ.

Naumann ist öffentlichkeitsscheu, spricht nicht gern über sich, lieber über sachliche Fragen. Obwohl er mindestens einmal im Jahr in Berlin ist, sieht man ihn selten zu den offiziellen Anlässen der Stadt. Und er hat die japanische Sicht auf Deutschland übernommen: Eine Ausstellung mit grandiosen Stellschirmen – zwei besonders schöne, achtteilige Exemplare hat er gerade dem Ostasiatischen Museum geschenkt – organisiert er zum 100. Geburtstag des Ostasiatischen Museums 2006. Die soll natürlich im Alten Museum auf der Museumsinsel zu sehen sein, denn: Die Museumsinsel kennen die Japaner, und auch den Schinkelbau: „Japan wäre sehr geehrt, wenn die Ausstellung dort gezeigt werden würde.“ Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, schluckt. Er muss zusehen, wie er den Wunsch in seinen Sanierungsplan einbaut. Denn Naumann abzusagen, dürfte selbst ihm schwer fallen.

Die Begeisterung für Ostasiatische Kunst wurde Naumann buchstäblich in die Wiege gelegt: Am 7. November 1935, am Gründungstag des Ostasiatischen Museums, wurde er in Berlin geboren. Bis er den Weg zur Keramik- und Lackkunst fand, war es dennoch ein weiter Weg. Zum Skifahren sei er 1964 erstmals nach Japan gekommen, geht die Mär. Gleichzeitig nahm er Kontakt auf zu Shoji Hamada, einem der wichtigsten Keramikkünstler in Japan. Und Naumann blieb. Schrieb englische Schulbücher, unterrichtete an der Aoyama Gakuin Universität in Tokio, reiste durchs Land und begann, mit Kunst zu handeln. Bescheiden erst, dann in immer größerem Umfang. Sein britischer Pass half ihm zu Zeiten, als es für Japaner schwer war, in Korea einzukaufen. Selbst japanische Museen kaufen inzwischen gern von ihm, dem Nichtjapaner. Ob er schon damals auch Sammler war? „Natürlich. Von Anfang an. Man muss sammeln, um zu kaufen, und verkaufen, um sammeln zu können.“

Für das Berliner Ostasiatische Museum war Naumann ein Glücksfall. Gerade im Bereich der Stellschirme, der Literatenmaler und der Lackarbeiten ergänzt seine Sammlung die des Museums. Um ihre Bedeutung herauszustreichen, wird Klaus F. Naumann gerne in einem Atemzug mit Heinz Berggruen, dem großen Berliner Mäzen der letzten Jahre genannt. Beide wurden sie in Berlin geboren, beide lebten sie lange im Ausland und brachten im Alter ihre Sammlung hierher zurück.

Es gibt allerdings auch Unterschiede: Naumann floh nicht vor den Nationalsozialisten, sondern folgte seiner Mutter, die einen britischen Offizier geheiratet hatte. Und: Er sammelt eben nicht Picassos, die zu sehen sich die Besucher die Beine in den Bauch stehen, sondern japanische Lackdosen, Vasen, Schirme und Gemälde. Eine Vision jedoch hat Klaus F. Naumann, ebenfalls eine sehr japanische: Wenn das Berliner Stadtschloss wiederaufgebaut wird, möchte er dort ein kleines Zimmer für seine Kunstsammlung reservieren. Oder, wie Willibald Veit hinzufügt (der schon längst ein Umzugsszenario entwickelt) – lieber gleich ein großes.

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