Kultur : Der längste Film der Welt

Chronist der DDR: dem „Golzow“-Dokumentaristen Winfried Junge zum 70.

Hans-Jörg Rother

Einen Chronisten nennt Junge sich selbst, aber in seinen frühen Jahren war er auch ein Träumer und vor allem ein Hoffender. Nie wieder hat in einem deutschen Dokumentarfilm eine gewöhnliche Schulklasse sich die Zukunft derart sorglos licht ausgemalt wie die Jungen und Mädchen aus dem ostbrandenburgischen Golzow, die er 1961 bei ihrer Einschulung erstmals porträtierte. 1966 waren sie schon „Elf Jahre alt“ (so der Titel des dritten Golzow-Films) und lauschten, nicht ohne Skepsis, der Sage von Prometheus und dem bedeutungsschweren Satz „Alles fließt“. Auch für die DDR floss die Zeit dahin und sollte, so hofften Junge und viele mit ihm, zu einem weltoffenen Land mit einer menschlichen Ordnung führen. „Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand, dass ein gutes Deutschland blühe wie ein andres gutes Land“, studiert der Musiklehrer mit den Kindern ein, die fröhlich bei der Sache sind, vielleicht auch wegen der netten Filmcrew von der Defa.

Da hatte das 11. Plenum von 1965 schon manche Illusionen begraben, war Brecht/Eislers „Kinderhymne“ wegen des Wortes „Deutschland“ vom Lehrplan gestrichen worden, und auch der Philosoph Heraklit wurde nur auf ausdrücklichen Wunsch des Regisseurs zitiert. Alles fließt, darauf weisen der schwere Eisgang auf der nahen Oder hin, ein Pflug, der den Acker aufreißt, die Fernsehbilder vom Krieg in Vietnam – und die spielerisch ihre Zukunft entwerfenden Kinder. Keinen Moment versackt der halbstündige Vorfilm fürs Kino in bloßer Beobachtung. Montage und Musik trotzten der schwerfälligen 35-mm-Technik ein Höchstmaß an Leichtigkeit ab. „Elf Jahre alt“ wurde ein poetischer Filmhymnus und ein Vermächtnis. Es war gut, dass die Akademie der Künste die ehrende Veranstaltung für ihr Mitglied Winfried Junge am Sonntagabend mit diesem Werk eröffnete, nachdem Hans Helmut Prinzler die „Disziplin“ und die „Humanität“ des Jubilars gepriesen hatte.

Junges Golzow-Projekt – er hat noch 15 andere Dokumentar- und einen Spielfilm geschaffen, seit fast 30 Jahren mit seiner Frau Barbara – wollte und sollte vom Aufstieg des Sozialismus in der DDR erzählen und wurde eine Chronik seines Untergangs. Selten haben Dokumentarfilme ein großes Publikum derart nachhaltig beschäftigt wie diese 18, den Filminstanzen und Geldgebern abgerungenen Berichte von insgesamt 33 Stunden Länge. Mit fortschreitendem Alter der Protagonisten konnten sie nicht mehr so fröhlich im Inhalt und poetisch in der Form ausfallen wie die ersten. Ein fast immer von Junge selbst geschriebener und mit trockener Ironie gelesener Kommentar bindet nun die Bruchstücke zusammen.

Trotz der über vierstündigen Länge waren 1982 die Vorstellungen mit Junges „Lebensläufen“, dem ersten Versuch einer Zwischenbilanz, meist ausverkauft, und längst hatte auch „der Westen“ den Wert dieses filmgeschichtlich einzigartigen Unternehmens erkannt. Der in Oberhausen und auf dem Berlinale-Forum gesammelte Bonus half Barbara und Winfried Junge, weiter die Lebenswege der nun meist fern vom Oderbruch ansässig gewordenen Brigitte und Marcel, Jürgen, Willy und anderen mit leichter Technik aufzuzeichnen und, die Hauptarbeit, am Schneidetisch die Zeit vor- und zurückzuspulen. Ein erster Höhepunkt dabei war die fast fünfstündige Volkenborn-Produktion „Drehbuch: Die Zeiten“ (1993).

Als „Ästhetik des Vertrauens“ beschrieb Junge auf dem Akademie-Podium seine Arbeitsweise, die Türen offen halten und öffnen soll. Für viele der „Golzower“ ist der Mann aus Berlin ein guter, wenn auch unbequemer Freund geblieben. Er hört ja nie auf, Fragen nach dem Warum und Wieso von Lebensentscheidungen zu stellen. „Es ist Zeit, sich zu bescheiden.“ Zu seinem heutigen 70. Geburtstag ist Junge dieses Rilke-Wort in den Sinn gekommen. Aber der von viel Beifall gesättigte Abend in der Akademie mochte ihm die Genugtuung geben, dass es damit noch eine Weile Zeit hat. Wie Träume auf den Boden der Tatsachen geworfen werden und was denn über den persönlichen Erfolg hinaus noch gehofft wird, das bleibt Gegenstand und wichtige Frage. Junge hat sie in die Filmgeschichte eingeschrieben.

Das Arsenal (Filmhaus, Potsdamer Platz) zeigt bis August Filme von Winfried Junge. Heute und morgen jeweils um 20.30 Uhr: „Drehbuch: Die Zeiten“

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