Kultur : Der lange Atem der Malerei

Zu ihrem 35. Jubiläum zeigt die Berliner Galerie Poll die Gruppenausstellung „Gall is sweet, my love!“

Michaela Nolte

Sehen ist „das Anfassen der Dinge mit dem Auge“, schrieb Eberhard Roters 1972 im Katalog zur Ausstellung „Prinzip Realismus“. Die Lust auf dieses visuelle Be-greifen scheint mit der aktuellen realistischen und figurativen Malerei erneut aufzuflammen, doch zeigen die Diskussionen um den vermeintlichen Boom und die Wiederentdeckung der Malerei zugleich, dass das Kurzzeitgedächtnis im Informationszeitalter immer kürzer zu werden scheint.

Haben die Künstler in den Achtziger- und Neunzigerjahren tatsächlich Pinsel, Öl und Leinwand aus den Ateliers verbannt? War der Realismus ein alter, verstaubter Zopf, von dem man sich mit dem 68er-Agitprop gerne trennte? Das im vergangenen Jahr erschienene DuMont „Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst“ verzeichnet Mode und Multiple, Repräsentationskritik und Retro-Ästhetik – Stichworte wie Malerei oder Realismus kommen dagegen nicht vor.

Scheinbar unberührt von modischen Erscheinungen, steht die Galerie Eva Poll seit nunmehr 35 Jahren für die realistischen Tendenzen in der Malerei, insbesondere für deren „kritische“ Variante, die in den Siebzigern zum Aushängeschild des West-Berliner Kulturexports avancierte. Als die Kunst mit politischen Stellungnahmen nicht mehr en vogue war, malten Künstler wie Peter Sorge, Hermann Albert, Lambert Maria Wintersberger oder Wolfgang Petrick weiter, und die Galerie hielt ihnen die Treue; ein wenig stoisch vielleicht, aber weder starr noch unflexibel. Eva und Lothar Poll führen die Galerie „so selbstverständlich, wie andere atmen“, schrieb der Kunstkritiker Heinz Ohff zum 15-jährigen Bestehen. An dieser Klarheit und Natürlichkeit hat sich bis heute nichts verändert. Nicht laut tönend, sondern mit einer still wirkenden Leidenschaft entwickelte sich das Programm mit den Jahren weiter: Bildhauer wie Joachim Schmettau oder Hans Scheib ergänzten den Schwerpunkt der Malerei, die nach der politischen Aufbruchstimmung um rein figürliche, aber auch neoexpressive Tendenzen ergänzt wurde. Bereits in den Achtzigerjahren wurden Künstler aus Moskau wie Maxim Kantor oder Igor und Svetlana Kopystiansky vorgestellt und mit Helmut und Gabriele Nothelfer erste Ausflüge in die Fotografie unternommen.

Dass die realistische Malerei ein weites Feld ist und in der Galerie Poll nicht dogmatisch aufgefasst wird, belegt die Jubiläumsveranstaltung mit einer geradezu musealen Ausstellung und einer ambitionierten Katalogpublikation, die Gelegenheit zur Aufarbeitung und zum Überdenken des Realismus-Begriffs bieten. Erfrischend fällt dabei ins Auge, dass der Geburtstag nicht zur nostalgischen Selbstfeier gerät.

Die Ausstellung „Gall is sweet, my love!“ würdigt im Zentrum den 2000 verstorbenen Künstler Peter Sorge, der schon die Eröffnungsausstellung 1968 in der Niebuhrstraße bestritt und mit dem, nach einem Zwischenspiel am Kurfürstendamm, auch die jetzige Beletage am Lützowplatz 1979 eröffnet wurde. Ausgehend von Peter Sorges titelgebender Radierung, wagt der Kurator Jörg Probst einen eigenwilligen Blick auf das „Kunst- und Bildgedächtnis der 60er und 70er Jahre“. Dabei hat der 1971 geborene Kunsthistoriker nicht etwa die Lagerbestände der Galerie geplündert, sondern private und öffentliche Leihgaben zusammengetragen, die den Bildstrategien des Realismus auf den Grund gehen.

Probst schlägt Querverbindungen von Peter Sorge zu Künstlern wie Wolf Vostell oder Robert Rauschenberg, die, angeregt durch das Fernsehen und die Pressefotografie, die Collage-Technik in der Zweiten Moderne zum „Simultanbild“, zur „dé-coll/age“ und zu den „Combine Paintings“ erweiterten.

Parallel dazu unternimmt er den vergleichenden Blick diesseits und jenseits der Mauer, respektive auf den Einfluss der Pop-Art in der DDR und deren Umgang mit der „feindlichen“ Kunst. Willi Sittes Diptychon „Mensch, Ritter, Tod und Teufel“ von 1969/70 stellt dem guten Menschen mit Arbeiterhelm die westliche Dekadenz in Form stahlbehelmter Schläger und Franz-Josef Strauß gegenüber. Einmontiert in die wüste Paraphrase sind stilistische Elemente Rauschenbergs, dessen popartigen Duktus Sitte ebenso zitiert wie den Glaskubus aus der Lithografie „Front Roll“ des Amerikaners. Derlei Überschneidungen finden sich auch bei dem Kommunisten und Neorealisten Renato Guttuso, dessen „Bericht aus Vietnam“ von 1965 verschiedene Pressemotive malerisch verarbeitet und mit einer an Rauschenberg erinnernden Farbigkeit unterlegt.

Die Schnittstelle zur Gegenwart bildet „Der Brand“ von Neo Rauch. Die Zeichenhaftigkeit der 1991 entstandenen Papierarbeit zitiert jedwede Wirklichkeit nur noch als kryptisches Fragment. Die kritische Gewissheit der älteren Generation scheint gewichen; aber Rauch bezeichnet sich selbst ohnehin als abstrakten Maler, wenngleich auch seine Bilder „das Anfassen der Dinge mit dem Auge“ zulassen. Gerade mit derlei Widersprüchen bietet die Ausstellung einen spannenden, aber auch durchaus streitbaren Diskussionsansatz.

Galerie Eva Poll, Lützowplatz 7, bis 31. Januar; Montag 10 – 13 Uhr, Dienstag bis Freitag 11 – 18.30 Uhr, Sonnabend 11 – 15 Uhr.

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