Kultur : Der lange Schatten der Schoschonen

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Von Jan Schulz-Ojala

Wer gewinnt den Deutschen Filmpreis? Ganz klar: „Der Schuh des Manitu“. Michael Herbigs 11-Millionen-Besuchermagnet drückt der Veranstaltung am Freitag abend im Tempodrom genau so den Stempel auf, wie er das ganze letzte Kinojahr dominierte: uneinholbar. Schon bei der Vergabe des Publikumspreises jubelt die zum alljährlichen Familientreffen versammelte Filmbranche, und nach der Vergabe gewisser silberner und goldener Lolas gehört ihm die Veranstaltung für eine lange Viertelstunde ganz allein. Kabarettist Michael Mittermeier hält eine spritzige Laudatio, Herbig bedankt sich ehrlich gerührt, und zum großen Finale nehmen, der Clou zum „Schuh“, die Cheerleader des SV Babelsberg Aufstellung - als fesche Squaws im Wildlederkostüm.

Wer gewinnt des Deutschen Filmpreis? Ganz klar: Bernd Eichinger. Der mächtige Chef der Constantin hat nicht nur den schier unerschöpflichen Dukatenesel ns „Manitu“ im Programm, sondern nebenbei als Produzent von Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ die Goldene Lola abgeräumt. Doppelter Duchmarsch also an der Kinokasse und beim mit insgesamt 2,8 Millionen Euro bestdotierten deutschen Kulturpreis - und das für ein Unternehmen, das derzeit den heimischen Kinomarkt ohnehin beherrscht. Jeder dritte Film unter den 20 erfolgreichsten der letzten zwölf Monate trägt das Siegel Constantin - da wird man dessen Chef doch wohl mal „Pate“ nennen dürfen? Nun ja, so heißen beim Filmpreis zwar nur die Präsentatoren - Eichinger aber kontert: „Ich hab noch nie jemandem ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte.“

Wer gewinnt den Deutschen Filmpreis? Ganz klar: SAT1. Der Privatsender bringt am heutigen Sonntag ein Stündchen Zusammenschnitt der Gala zur Hauptsendezeit, und dafür verwandelt er das Tempodrom in ein gigantisches Fernsehstudio. Auf mindestens 50 knallroten Sofas, die sich in der Manege des steinernen Zirkuszelts wie die Plüsch gewordene Vision eines total verkoksten Christoph Marthaler ausnehmen, schwitzen Nominierte und Prominente sichtbar unbehaglich im Scheinwerferlicht - und in banger Erwartung, von der etwas hakelig disponierten Moderatorin Caroline Beil in einen short talk verwickelt zu werden. Und drumherum im Hallenrund schwitzen 2000 Leute mit - die einen enttäuscht, die anderen eher erleichtert, nicht da unten im Wartesaal des Ruhms platziert worden zu sein.

Und wer verliert beim Deutschen Filmpreis? Nun, die glücklichen Lola-Gewinner sind schon irgendwie glücklich - auch wenn es, wie bei Andreas Dresen, nur zu jener „Dreivierteltreppe“ gereicht hat, als die er seine Silbermedaille für „Halbe Treppe“ flugs titulierte. Aber müssen die Preisträger, die die Jury mit dem satzungsrechtlich gebotenen Blick auf den „künstlerischen Rang“ erwählte, sich nicht wie die Statisten bestenfalls eines Aufwärmprogramms fühlen - angesichts der Riesen-Show, mit der die Regie anschließend den „Schuh des Manitu“ bedenkt? Und dies womöglich zum tückischen Ausgleich dafür, dass die Jury für diesen Film des Jahres nur einen kuriosen Sonderpreis vergeben mochte?

Das Bild sei gewagt: „Der Schuh des Manitu“ kleidet den Klumpfuß dieses Kinojahrs. Die Jury konnte nicht an ihm vorbei, also zog sie ihn halbherzig mit - und machte damit unfreiwillig Werbung für Bernd Eichingers Idee, den Deutschen Filmpreis nach dem Modell Oscar künftig von einer Branchen-Akademie ausrichten zu lassen. Ja, im Licht dieses Vorstoßes rächte es sich geradezu, den populären Solitär, der zudem die deutsche Filmindustrie durch allerlei Rückflüsse nährt, bei der Nominierung in den Hauptkategorien übergangen zu haben.

Eine solche Akademie allerdings würde den Charakter des Deutschen Filmpreises nicht nur modifizieren, sondern fundamental verändern. Großartige, aber auch schwierige Filme wie die letztjährigen Preisträger „Die Innere Sicherheit“ und „Die Unberührbare“ hätten wohl nicht den Hauch einer Chance auf die Top-Trophäen - und Regisseure wie Oskar Roehler und Christian Petzold würden nicht eben jenen durch den Preis stimulierten Schub erfahren, wie ihn die mit großen Talenten nicht eben gesegnete deutsche Kinolandschaft immer wieder braucht. Nein, ein deutscher Oscar, bei dem zwar die jeweiligen Fachbranchen die Kandidaten ihrer Fachkategorien nominieren, nachher aber querbeet ausgezeichnet wird, gliche nur einem verfeinerten Publikumspreis nach gerade jenem amerikanischen Vorbild: ganz oben der Kassenknüller, in der Mitte manches Kreative, sofern es sich auf dem Markt durchgesetzt hat - und das wirklich Innovative unter ferner liefen.

So gesehen, hat sich, auf deutschen Maßstab heruntergerechnet, die Jury schon diesmal an diese Prämissen gehalten: Caroline Links „Afrika“ ist zwar an der Kasse zehnmal schwächer als „Manitu“, aber abseits der Kinderfilme der einzige echt deutsche Millionenbesucher-Film des Jahres. Tom Tykwers „Heaven“ steht für das etwas verbrauchte Neue, und „Das weiße Rauschen“, der aufregende Erstlingsfilm von Hans Weingartner, ging beim finalen Segen ganz leer aus. Wo also könnte eine Branchen-Akademie Akzente setzen? Auch wenn das verflossene, abseits von „Manitu“ schwache deutsche Kinojahr den Blick eher verzerren mag: eher für das Trübe.

Denn die deutschen Erfolgsfilme, die sich da im langen Schatten der Schoschonen tummeln, sind entweder krachlederne oder arg flaue Komödien. Filme, auf die selbst das Trivialgenie Bully Herbig seine trotzige Maxime „Das Publikum zu unterhalten ist auch eine große Kunst“ wohl nur bedingt anwenden würde. Ansonsten:Überwiegend Fehlanzeige.

Nein, der Deutsche Filmpreis braucht, jedenfalls in seiner jetzigen staatsfinanzierten Struktur und mit seinem sinnvollen Auftrag, keine Akademie. Im Gegenteil; Er sollte sein unverwechselbares Profil noch zuspitzen. Ein Ärgernis ist es etwa, dass in der elfköpfigen Jury gerade so wie in Rundfunkräten mancherlei Polit-Proporzvertreter sitzen, die mit dem Kinofilm beruflich und biografisch kaum zu tun haben. Warum dieses Gremium nicht ausschließlich mit Kreativen besetzen, so wie es die Jurys von Cannes und Venedig vormachen?

Auch in der Branche regt sich Skepsis gehen die Eichinger-Idee. Caroline Link, selbst Regisseurin bei Constantin, sagte jüngst dem Magazin „blickpunkt: film“, die Branche sei viel zu klein, um ohne Blick auf Sympathien und Beziehungen zu urteilen. Ja, sie zweifele sogar daran, dass die Akademie-Mitglieder die verschickten Videokassetten überhaupt richtig ansehen wollten. Andererseits: Wäre der Pate überhaupt der Pate, wenn er das Kind nicht schon schaukeln würde?

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