Kultur : Der lange Weg der Giraffe

Wo Afrika träumt: zum Abschluss von Theater der Welt in Stuttgart

Ulrike Kahle

Eine Giraffe verdreht den Franzosen die Köpfe und beeinflusst die Mode. Lange Nackenlinien! Plateausohlen! Lots Frau diskutiert mit Gott, der Arkadij Iljitsch heißt und den es nicht gibt. Marie Zimmermann steht im Stuttgarter Eckensee und liest eine Geschichte von Peter Bichsel vor. Dann ist das Festival Theater der Welt in Stuttgart zu Ende.

Oder nein, nicht ganz. Es wird noch gelobt, bedankt, umarmt und getanzt. Und der Schwabenblues erklingt dazu. An die 42000 Zuschauer und nochmal 40000 um den See herum und beim Nebenprogramm, satte 75 Prozent Auslastung der Theateraufführungen. „Ich bin richtig glücklich“, sagt Festivalleiterin Marie Zimmermann und sieht jünger aus als zu Beginn des Theatermarathons. Kann man plötzlich über Stuttgart und Baden-Württemberg ganz viel Positives berichten? Theater macht’s möglich. Eine Stadt hat ihre Meisterin gefunden. Zimmermann gewinnt ihr Heimspiel nach Punkten, mit kräftiger Rückendeckung vom Staatstheater und munter angreifendem Festivalteam.

Die Höhepunkte kamen gelassen daher und aus unvermuteter Richtung. Bewegend die Begegnung mit der schwerbehinderten Choreografin Manri Kim und ihrer Performance Troup Taihen aus Osaka: „The Legend of Maha-Laba-Village“. Alle Mitwirkenden sind Behinderte, auf den ersten Blick bizarr, abstoßend, dann zunehmend vertrauter werdend. Verwunschene, verhexte Märchenfiguren, Menschen, die mit und durch ihre versehrten, teilweise grotesken Körper erzählen von der unantastbaren Würde des Menschen.

Theater der Welt lenkte den Blick ohne jede Scheu auf Ungewohntes, Unbekanntes: auf Indien mit bollywoodesk deftigem Volkstheater über den Ausverkauf des Glaubens, auf Japan mit einem Kammerstück über die vorsichtige Annäherung einander fremdgewordener Geschwister. Immer handelt es sich dabei um Theater außerhalb staatstragender oder touristikfördender Institutionen, immer ist es der Versuch, etwas Authentisches zu finden abseits vom Mainstream.

Mit drei Aufführungen gelang gar ein Überblick über das moderne russische Theater. Moskau präsentierte den volkstümlichen, fast hysterisch überdrehten, detailverliebten „Kirschgarten“ des litauischen Regiestars Eimuntas Nikrosoius. Ein mutiger russischer Abend, weil stilisiert und wenig elegisch. Aus Novosibirsk kam ein expressiv aufgebürsteter, burlesker und doch fein nuancierter Marivaux: „Unbeständigkeit von beiden Seiten“ von dem Moskauer Opernregisseur Dmitry Chernyakov. Im Herbst inszeniert er an der Berliner Staatsoper

Wiederum aus Moskau, vom Theatre.doc: „Genesis Nr.2“, russisches Avantgardetheater, wie es nicht verrückter und funkelnder sein könnte. Frau Lot streitet mit Gott darüber, ob es ihn gibt. Der Großteil des Texts stammt angeblich von einer Psychiatriepatientin, vormals Mathematiklehrerin, kombiniert mit Briefen dieser Patientin an den Autor und Star-Performer Iwan Wyrypajew. Er selbst liest die Briefe vor, singt zotenhafte Lieder, seine Assoziationen zum des Text. So wie die drei unglaublichen Schauspieler mit Regisseur Wiktor Ryschakow ihre Einstellung mitinszenierten, wie wir Zuschauer Gedanken und Fragen entwickeln beim Sehen. Ein russisches Mix aus Dali und Brecht – ähnlich wie der offene Stil der britischen Experimentaltruppe Forced Entertainment, die auch in Stuttgart auftraten.

Deutschsprachiges Theater war national hübsch verunreinigt vertreten mit einem deutschen, zwei schweizerischen und einem holländischen Regissseur: Sebastian Nübling, Eric Gedeon, Christoph Marthaler (zum ersten Mal in Stuttgart!) sowie Johan Simons mit seinen vom belesenen Stuttgarter Publikum besonders gefeierten Züricher „Elementarteilchen“ nach Michel Houellebecq.

Zum Festivalende steigerte sich die Begeisterung der Zuschauer nochmals – angesichts der vereinigten Figurentheater aus Mali und Südafrika mit „Tall Horse“. Der ägyptische Scheich will, um einen Krieg zu vermeiden, dem französischen König Charles eine Giraffe schenken. Der lange Weg der Giraffe, 1827 von Marseille auf dem Landweg nach Paris, zum Staunen und Entzücken der Franzosen, wird so zauberhaft von Schauspielern, den holzgeschnitzten Figuren und ihren Spielern dargestellt, dass man wünscht, die (wahre!) Geschichte möge nie zu Ende gehen. Diese Giraffe! Riesenhoch, bewegt von zwei malinesischen Puppenspielern auf Stelzen. In Mali gibt es Figurentheater seit dem 12. Jahrhundert, deswegen wollte die Handspring Puppet Company aus Kapstadt gerne mit der Sogolon Puppet Troupe aus Bamako zusammenarbeiten.

Fünf Jahre dauerte es von der Idee bis zur Premiere. Trotz der riesigen Entfernung und der seltenen Zusammenkünfte bilden die Figuren beider Theater nun ein harmonisches Ensemble. Alle Franzosen sehen dabei übrigens aus wie Afrikaner, das ist sehr komisch und durchaus bedeutsam. Endlich afrikanisierte Europäer! Endlich eine Geschichte über den Einfluss von Afrika und nicht umgekehrt über den Einfluss der Europäer. Eine afrikanische Vision von Europa. Schöner hätte es keiner träumen können.

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