Kultur : Der lange Weg

Beethovens Sonaten – eine unüberwindbare Hürde? Zur Halbzeit von Barenboims Berliner Zyklus

Jörg Königsdorf

Es steht nicht gut um Beethovens Klaviersonaten. Noch in den Fünfzigerjahren, zu Hoch-Zeiten eines Claudio Arrau, Friedrich Gulda und Wilhelm Kempff unbestrittener Dreh- und Angelpunkt pianistischer Weltsicht, liegt der monumentale 32er-Zyklus seit einiger Zeit brach. Maurizio Pollini (der 1993 den Zyklus in Berlin aufführte) und Alfred Brendel, die Helden der Siebziger, zehren nur mehr vom Ruhm ihrer alten Einspielungen. Ein Nachfolger auf dem verwaisten Thron, der das Beethoven-Bild des 21. Jahrhunderts formulieren könnte, scheint nicht in Sicht.

Glaubt man dem Ungarn Andras Schiff, der sich erst vor kurzem an eine Aufführung aller Sonaten herangetraut hat, liegt das vor allem an zwei Gründen: Erstens an der einschüchternden Wirkung der großen Vorbilder, zweitens aber auch daran, dass Beethoven einfach harte Arbeit ist. Es gäbe, so Schiff, zwar geborene Mozart-, Bach- und Chopin- Spieler, aber eben keinen geborenen Beethoven-Pianisten. Zumindest scheint in den letzten 60 Jahren keiner geboren worden zu sein – und diejenigen, denen man eine Emanzipation von den „großen Alten“ am ehesten zutrauen würde – dem Franzosen Pierre-Laurent Aimard und vielleicht auch dem Finnen Olli Mustonen –, haben sich bislang nur auf sporadische Auseinandersetzungen mit Beethoven beschränkt.

Und das, obwohl die Sonaten selbst durchaus Fragen aufwerfen: Es gälte beispielsweise dringend, die Auseinandersetzung mit historischer Aufführungspraxis, die die Interpretation der Sinfonien in den letzten 20 Jahren auf packende Weise revitalisiert hat, endlich auch auf dem Konzertflügel zu führen. Es bräuchte mithin einen Harnoncourt oder Norrington des Klaviers, der den Sonaten ihr revolutionäres Element zurückgeben könnte. Der fühl- und hörbar machen könnte, wie sich Beethoven, getragen gleichermaßen von der Radikalisierung der Lebensverhältnisse in der napoleonischen Ära wie von den rapiden, ausdruckserweiternden Fortschritten des Instrumentenbaus, mit jeder Sonate ein Stück Neuland erobert: von der lustvoll provokativen Erfüllung der klassischen Form in der Frühphase bis hin zur unerhörten, jegliche konventionelle Verankerung abstreifenden Klangsprache des Spätwerks.

Es heißt also warten. Womit wir beim Anlass des Artikels wären. Denn die Etappen vier und fünf von Daniel Barenboims Sonaten-Zyklus in der Berliner Staatsoper weisen mit geradezu beklemmender Deutlichkeit auf diesesVakuum der Beethoven-Interpretation hin. Die Augenblicke, in denen der Musiker Barenboim die Bodenhaftung des Pianisten Barenboim abschütteln kann, sind rar geworden: Ein zwischen kraftvoller Pose und Melancholie ausbalanciertes Op.90 oder der wunderschön ausgespielte, in zarteste Pastellfarben gehüllte Beginn des „Waldstein“-Finalsatzes beispielsweise erinnern daran, was hier möglich wäre. Doch meist fallen diese Lichtblicke in die Schattenzonen zähflüssiger Tempi und mühseligen Tastendonners.

Diese Schwächen wären aber zu verschmerzen, wenn als Grund für diesen Zyklus eine gewachsene, vertiefte Beethoven- Sicht erkennbar wäre. Wenn hier beispielsweise die Erfahrung des Dirigenten Barenboim den Pianisten Barenboim zu einer größer disponierenden, sinfonischen Sichtweise inspiriert hätte. Doch nichts davon: Über gelegentliche Detailfunde in den Mittelstimmen entdeckt Barenboim wenig Überraschendes oder gar Bezwingendes. Der Impetus der Kopfsätze in den früheren Sonaten ist oft wie gelähmt, Humor, Sarkasmus und das keck-subtile Rebellentum gegen die Form, das sich selbst noch in Petitessen wie den beiden Sonaten Opus 49 findet, sind Barenboim noch immer fremd.

Die stilistische Entwicklung des Zyklus nachzuvollziehen, das Genie gewissermaßen mit relativierendem Blick zu betrachten, kümmert ihn wohl ohnehin nicht, ja scheint seinem Bild vom ehernen Klassiker sogar entgegenzustehen. Die Licht- und Schattenfarben seines Anschlags etwa im Largo e mesto der frühen Sonate Op.10/3 unterscheiden sich nicht von denen des „Appassionata“-Mittelsatzes.Der 63-Jährige spielt seinen alten Gesamteinspielungen aus den Sechziger- und Achtzigerjahren lediglich hinterher, stellt sein altes Beethoven-Bild noch einmal aus: ein Denkmal auf bröckelndem Sockel. Das Publikum in der nahezu ausverkauften Staatsoper ficht dies allerdings nicht an: Es jubelt, spendet sogar standing ovations – beeindruckt sicher auch durch die fraglose Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit, mit der sich Barenboim dieser Herausforderung stellt. Wem das nicht reicht, der muss eben warten.

Die letzten drei Konzerte des Beethoven-Zyklus finden am 3., 4. und 6. Juli in der Staatsoper Unter den Linden statt.

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