Kultur : Der Langstreckenläufer

Jörg Plath

Die Sehnsucht kennt eine andere Ordnung. Günter Herburger hat seine Gedichte einmal mit "vollgestopften Schubladen, die klemmen", verglichen. Kein Wunder, dass Herburgers Romane prallen Seesäcken ähneln. Das Allerlei darin ist mal bunt, mal grau, mal fantastisch, mal realistisch. Immer aber spiegelt sich darin das Leben des in München-Schwabing lebenden Schriftstellers, der heute vor 70 Jahren in Isny im Allgäu geboren wurde.

Für Herburger gehören das Graue und das Bunte zusammen. Schon in seinem ersten Erzählungsband "Die gleichmäßige Landschaft" (1964) unterlegt er die "knirschend funktionierende Logik" des Alltags aus Ritualen und Gewohnheiten mit Wünschen, Sehnsüchten, Ängsten und der Phantasie. Die Wirklichkeit müsse mit all ihren Widersprüchen im Bewusstsein der "schweigenden Mehrheit" eingefangen werden, forderte Herburger 1967.

Stärker als andere Autoren des "Neuen Realismus" - neben Dieter Wellershoff etwa Günter Seuren und Rolf Dieter Brinkmann - nähert sich Herburger der Welt proletarisierter Kleinbürger. In ihr kämpfen Hilfsarbeiter in der Industrie ("Flug ins Herz") und Taschendiebe ("Capri") um ein besseres Leben. In ihr leisten sich reiche Vettern ein elegantes Campingzelt. In ihr gibt es surreale Bilder und fehlt auch die Sinnlichkeit nicht, nur hindert der Dünensand am Genuss.

Günter Herburger hat nach dem Studium in München und Paris die Welt von unten kennengelernt. In Frankreich, Spanien, Nordafrika und Italien arbeitete er als Sekretär, Straßenarbeiter und Kameltreiber. Nach der Rückkehr wurde er für ein Jahr Fernsehredakteur, dann Schriftsteller, wohin es ihn nach eigenem Bekunden wegen seiner an Hermann Broch gemahnenden Nase zog.

Seit 1964 sind neben Essays, Hörspielen und Drehbüchern mehr als 40 Bücher erschienen. Bekannter noch als seine Kinderbücher mit Birne sind "Die Eroberung der Zitadelle" (1972, verfilmt von Bernhard Wicki) und die fünfbändige "Thuja"-Trilogie (1977 bis 1991). Herburger versucht in der Hingabe an den Augenblick und das Detail für eine kurze Weile die Gegensätze aufzuheben, "unter denen wir leiden". Bestens gelingt ihm das im Langstreckenlaufen, das Herburger seit 1982 mit dem Schreiben vermählt. In "Lauf und Wahn" (1988) und "Traum und Bahn" (1991) organisiert die Strecke die sprudelnde Einfallsgabe und bettet das bloß Episodische ein. Manchmal kehrt Günter Herburger mitten im Marathon noch einmal um, schießt ein Foto oder prägt sich eine Ansicht ein. Für die Schubladen.

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