Kultur : Der Lappen muss hoch

Eine

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von Bas Kast

Eine Beobachtung, die Psychiater immer wieder bei ihren depressiven Patienten machen, ist diese: Der Depressive erkennt selbst nicht, wenn er aus seiner Depression „erwacht“ – zumindest nicht als Erster. Eher sind es die Freunde oder Verwandten, die plötzlich feststellen: Er lebt wieder auf, spricht wieder mit uns, nimmt Kontakt auf, nimmt teil, geht aus sich heraus. Er ist wieder da. Endlich.

Was das mit uns Gesunden zu tun hat? Vor einem Jahr brachte das Magazin „Time“ einen Titel darüber, was Deutschland richtig macht. Jetzt singt der „Economist“ ein Loblied auf unsere Wirtschaft. Der Economist! Auf unsere Wirtschaft, ausgerechnet! Statt mit einem chinesischen Drachen und einem USAdler, wie der „Spiegel“ neulich, schmückt sich das britische Blatt mit dem deutschen Adler, wie er die Flügel spreizt und seine Muskeln spielen lässt. Das Magazin bewundert uns. Das Ausland bewundert uns.

Man könnte sagen: Die spinnen, die Ausländer.

Man könnte aber auch sagen: Deutschland, der depressive Patient, der nicht erkennt, dass es ihm besser geht.

Noch so ein Kennzeichen depressiver Patienten: Jeden Erfolg schieben sie auf den Zufall, auf die Umstände. Bekommt er Lob, ist das für den Depressiven nur ein Grund mehr zum Jammern. Er sagt: Das lag ja nicht an mir, dass die Sache gut gegangen ist, es war Glück. Misserfolge hingegen schreibt sich der Depressive konsequent selbst zu, seinem, selbstverständlich schlechten Charakter. Ich war ja als Kind schon so schlecht!

Auch Berlin zum Beispiel, Gejammer, wohin man hört, und doch: Immer mehr Touristen besuchen die Stadt. Klaus Wowereit? In unseren Augen glänzt er auf Partys. „Time“ dagegen hat Wowereit erst vor wenigen Monaten auf den Titel gehoben – eine Geschichte über die innovativsten Bürgermeister der Welt, und er in der Mitte, ein Deutscher, ein Berliner.

Wer irrt sich hier mehr? Das Ausland? Oder ist es dieser bei uns so besonders ausgeprägte Hirnlappen, der Jammerlappen?

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